Humane vorsorgliche Carabinieri

Irgendwo längs der adriatischen Küste – ziemlich weit im Mezzogiorno (Süditalien) – fuhr ich einmal, einmal ist keinmal, allzu schnell auf einer kurvenreichen Strasse. Bei meiner Eile liess ich dem Marschall der Carabinieri keine Zeit, einen Blick auf das Schweizer Nummernschild meines Fiat-Wagens zu werfen. So erhob er die Tafel, als wäre ich sein Landsmann und nötigte mich zum Anhalten.
Er war nicht allein. An seiner Seite stand ein für die stolzeste Waffengattung der italienischen Armee noch nicht ausgebildeter „Lehrling“, ebenfalls in Uniform, doch offensichtlich noch nicht in Amt und Würde. So blieb dem Chef nichts anderes übrig, als mir ordnungsgemäss eine saftige Busse zu verpassen. Nur auf diese Weise konnte der Vorgesetzte sein Gesicht gegenüber dem Untergebenen wahren.

Wie auf irgendeinem Marktplatz begann ein Feilschen um die Höhe des Betrages oder der meiner Meinung nach eigentlich gar nicht notwendigen Busse. Der Marschall liess mit sich reden, ja schien im Blick auf meinen Schweizer Pass mit dem Vermerk „Journalist“ gleich beide Augen zudrücken zu wollen. Wie vielleicht einmal nach italienischer Vorstellung der Allmächtige, der ja auch der Allgütige ist, sich erweichen, Gnade vor Recht ergehen lassen wird. Von den zuerst geforderten 10 000 Lire – in den 80er Jahren noch eine gewichtige Summe – war plötzlich nicht mehr die Rede. Auch die Hälfte schien mir ein allzu hoher Betrag. Da schaute mich der Carabiniere mit grossen Augen an und blickte verzweifelt in Richtung seines Untergebenen, wie um mir, nur mir, zu sagen: „Völlig ungeschoren kann ich Sie nicht laufen lassen. Meine Autorität gegenüber ihm steht auf dem Spiel. Helfen Sie mir, zahlen Sie wenigstens 2000 Lire, bitte, bitte, bitte!“

Damit war ich einverstanden. Gilt nicht besonders im Stiefelland: Sauhäfeli, Saudeckeli? War es nicht das Wenigste, dass ich mich nicht nur in meine, sondern auch in seine Notlage versetzte? Dann schärfte mir der Uniformierte ein, auf keinen Fall den Bussenzettel wegzuwerfen: „Wissen Sie, auf der Autobahn Richtung Bari befindet sich zehn Kilometer nach der Einfahrt ein weiterer Kontrollposten. Sollten Sie angehalten werden, zeigen Sie einfach den Zettel und sagen, Sie hätten schon bezahlt. Dann wird man Sie in Ruhe lassen. Ich werde allenfalls zum Rechten sehen. Wir Carabinieri stehen untereinander in Funkverbindung“, fügte er nicht ohne Stolz bei.

So gut ausgerüstet waren die Carabinieri schon vor dreissig Jahren. Und so human erwies sich damals ein italienischer Ordnungshüter gegenüber einem fehlbaren Ausländer. Vielleicht auch im Blick auf den schliesslich auch Süditalien erfassenden Tourismus - zur möglichst baldigen Überwindung der in den 80er Jahren unter Sozialistenführer Bettino Craxi ausser Rand und Band geratenen, bis heute nicht getilgten Staatsverschuldung.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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