Meine ungleichen Enkel,
nicht weil ich einen mehr als den andern liebe
Mein Enkel Pierre, ein Belgier, lernt deutsch,
weil er mit mir in meiner Sprache reden,
meine in meiner Sprache verfassten Texte verstehen möchte,
auf dass wir nicht immer nur französisch miteinander parlieren,
uns amüsieren, skilaufen, jassen (das heisst mit schweizerischen Karten spielen),
kurzum... alles auch in meiner Sprache tun können.
Ich schicke ihm zur Übung meine Texte.
Sein Deutschlehrer sagte, in vier Monaten,
wenn sie in der Klasse mit der Grammatik soweit fortgeschritten sind,
er dann meine Briefe und Aufsätze besser verstehen könne.
(Könne, sagte er, weil er seinen Pappenheimer kennt,
als distinguierender französisch Sprechender den Mund nicht zu voll nehmen wollte)
Honni soit qui mal y pense!
Diese Texte seien für ihn, Pierre, eine gute Übung,
um mit der besten Note der Klasse, wenigstens im Deutsch,
das Abitur, den Baccalauréat zu bestehen.
Ich habe den liebsten Enkel, den ich mir wünschen kann.
Valentino, der Sohn meines Stiefsohns Stefan,
hatte ich ebenso lieb gewonnen,
so lange wir in Italien und Australien zusammen waren,
ich ihn zum Assistenten der Fire Brigade Comanders ernannte
und ihm sagte, ohne seine Hilfe
hätte ich es nicht gewagt,
mitten im Sommer, während der glühenden Römer Hitze
all das dürre Gras und die vielen Äste zu verbrennen.
Valentino, der im zweiten Namen auch Rembrand heisst,
(versagt er als Liebhaber, kann er immer noch als Maler reüssieren)
war sehr stolz auf seine unentbehrliche Hilfe
und überglücklich, wenn ich dem Siebenjährigen
für ihn unerreichbare Brombeeren
in den Mund steckte, eine nach der andern.
Das letzte Mal, dass wir miteinander gesprochen haben
von Rom nach Noosa in Australien und zurück,
fast die Hälfte des Globus trennt uns voneinander,
doch dank der Technik waren wir wie am gleichen Tisch beisammen,
sagte er mir plötzlich, wie vom Himmel gefallen:
Victor, I miss you - Victor, ich vermisse dich.
Er hat mich nie mit Grandfather oder Grand Daddy angesprochen.
Ich war immer einfach Victor für ihn
wie für alle meine Neffen in der Schweiz,
und ich fühlte mich dabei wohl bei dieser Gleichsetzung,
weil wir so, alle miteinander auf gleicher Höhe oder Tiefe
miteinander reden können,
auch als sie noch kleiner waren, doch keine falsche Furcht
oder noch ärgere Achtung vor mir hatten,
mich als einen, wie sie selber sind, betrachteten,
so dass ich mit ihnen wie mit einem meiner zwei Brüdern Robert und Peter
oder den Schwestern Rosmarie und Rika sprechen konnte.
So freute ich mich doppelt, dreifach, vierfach,
als mich Pierre fragte,
warum Grosseltern mit ihren Enkeln meist sehr gut auskommen,
und er auf mein nachdenkliches Gesicht hin scherzend bemerkte:
parce qui'ils ont un ennemi en commun (weil sie einen gemeinsamen Feind haben)
Arme Eltern, die hoffen müssen, dass Pierre heiratet
oder sonst wie zu einem Sohn oder einer Tochter kommen wird,
der oder die sie mehr lieb haben als die eigenen Eltern.
Ungerecht, aber verständlich, geradezu selbstverständlich:
Ist es doch keine leichtes Los, Kinder erziehen, manchmal sogar bestrafen zu müssen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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