Mein glücklichster und mein
unglücklichster Tag
In der Kapelle des Kantonsspitals Chur am 14. Februar in Anwesenheit des
Domherrn Casetti verlesener Text
Nach Erzählungen über schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten wurde ich
gefragt, welches denn der schönste Tag in meinem langen Leben gewesen sei. Ohne
langes Zögern antwortete ich spasseshalber bereits vor acht Jahren: „Den
schönsten Tag erlebte ich, als ich erfuhr, dass Olympiasieger Simon Amman am
gleichen Tag wie ich geboren ist, nur 55 Jahre später.“ „Ja und der
unglücklichste Tag?“ wollten die Zuhörer in Kindergärten, Primarschulen bis zu
den Altersheimen wissen. Das sei jener Tag gewesen, als ich gelesen hatte, dass
Simon Ammann nicht wie ich am 25. Juni, sondern am 26. Juni das sogenannte Licht
der Welt erblickte.
Die meisten Kinder und viele alte Leute lachten, schmunzelten wenigstens und
erkannten, dass ich dies nicht todernst meinte. In alten Photoalben konnte man
früher unter dem Hochzeitsbild der Neuvermählten den Satz lesen: „Der schönste
Tag unseres Lebens“.
Ich weiss nicht, wie viele Ehepaare das heute noch so empfinden, auch nur daran
erinnert sein wollen. Heute sind wir realistischer und auch vorsichtiger
geworden und haben Mühe, einen unserer Tage als den glücklichsten zu bezeichnen.
Sie ändern auch von Mensch zu Mensch und von Kultur zu Kultur. „Der schönste Tag
sei jeweils jener, den er gerade erlebe, glücklich, dass er, obwohl schon uralt,
gesund und munter sein darf, ohne all die Notleidenden zu vergessen, die im
Wechselspiel der glücklichen und unglücklichen Tage sich bereits freuen können
über ein Stück Brot und das Lächeln und Verständnis eines mitfühlenden
Menschen“, sagte mir ein Weiser aus dem Morgenland, ein Inder vor 48 Jahren.
Diesen Text verlas ich in der Kapelle des Kantonsspitals Chur am Ende der von
Domherr Casetti zelebrierten Messe.
Zwei Tage später, am 16. Februar, ein Tag nach dem 87. Geburtstag meines lieben
Bruders Robert, kam mir nach halbdurchwachter Nacht mit der spannenden Lektüre
von Paulo Coelhos Buch „Am Ufer des Rio Piedra sass ich und weinte“ in den Sinn,
was ich bereits am Valentinstag hätte sagen sollen: „Jeder Tag ist schön, an dem
ich ja sagen kann, ja zum Leben und zum Sterben, und wenn meine Seele den Körper
in der Nacht zwischen dem 28. und 29. September, in welchem Jahr auch immer
verlassen darf, mein letztes Stündchen geschlagen hat, einsam und verlassen wie
Johannes Paul I., der lächelnde Papst Albino Luciani, dann wird es ein
besonderes Geschenk des Himmels gewesen sein.“
Das habe ich einer Italienerin, Gloria, der Frau von Marco Garoni, dem besten
Römer Freund meines in Australien lebenden Sohnes, bereits kurz nach dem letzten
29. September gesagt, worauf sie lachend meinte: „Wunderbar, dann brauche ich
mich bis zum nächsten 28. September nicht zu ängstigen.“ Ich lachte meinerseits
herzhaft und liebte mein Gastland und seine Bewohner für mehr als ein halbes
Jahrhundert noch mehr, Italien und die Italiener mit ihrem realistischen häufig
tiefsinnigen erlösenden Sinn für die trotz Silvio Berlusconis schlimmen
Machenschaften schönen Seiten des Lebens, besitzen häufig den Humor als lachende
Träne in seiner tiefsten Bedeutung.
Oder hätte ich schreiben sollen: „Rom und die Römerinnen und Römer?“ Gloria ist
eine Römerin auch ägyptischer Abstammung. Man sieht es an ihrem Gesicht, an
ihrem Nefertiti-Profil. Gloria ist nicht nur einfach schön, sondern eine gross
gewachsene Frau, grösser als sozusagen alle Römerinnen!
Victor
J. Willi, Rom Disentis
Victor J.Willi
Autor des Buches „Im Namen des Teufels“, Antwort auf Yallops Bestseller „Im
Namen Gottes?“, Möglichkeiten und Grenzen eines heiligen „Heiligen Vaters“, 5.
Auflage 2000, Christiana Verlag Stein am Rhein.Victor Willi hat zwanzig Jahre
nach dem einsamen Tod Johannes Pauls I. weltweit eine Nachtwache während der
fünf offenen Stunden vorgeschlagen und mit der Unterstützung nicht nur der
Massenmedien, u.a. von Radio Vaticana (deutsche, französische und englische
Abteilung) sondern besonders der Gesellschaft Jesu (Jesuitenordens) Corriere
della Sera und anderer Zeitungen bis nach Brasilien und Australien ein
beachtliches Echo feststellen können, das allerdings 10 und 11 Jahre später,
2008 und 2009 aus naheliegenden Gründen trotz der Aufmunterung ziemlich
verblasst ist.
Darf es zur 6. Auflage kommen, trägt sie den Untertitel „Der von uns und wir von
ihm überforderte Papst“. (Titel des Vortrages vom 8. März in Solothurn zum
Anlass des 60. Geburtstages von Bischof Kurt Koch) Trotz der Kürze seines
Pontifikates, nur 33 Tage, hat Johannes Paul I. ein grosses Zeichen der
Bescheidenheit, Tugend der Tugenden, gesetzt. „Papst Luciani bleibt in der
Erinnerung aller als der gute Seelsorger. Er hat sein Leiden in ein Lächeln der
Güte verwandelt, und diese Botschaft ist besonders heute von grosser heilsamer
Bedeutung“ (Kardinal J. Ratzinger in 30 GIORNI Juli/August 1998, S. 29). „Wer
weiss, die Bedeutung dieses Papstes steht im umgekehrten Verhältnis zur Kürze
seines Pontifikates“ (Kardinal Karol Wojtyla wenige Tage vor seiner Wahl als
Nachfolger des sogenannten lächelnden Papstes Johannes Paul I.) Nicht von
ungefähr hat der polnische Papst (1978 – 2005) den Namen seines Vorgängers
gewählt!
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