Zwei Priester und kEIN Zweifel
Warum Johannes Paul I. mit seiner nicht nur gelehrten, sondern gelebten Bescheidenheit zwar eines der kürzesten, aber vielleicht wegweisendsten Pontifikate der Kirchengeschichte leitete


Da lag ich also seit 20 Stunden im San Pietro-Spital in Rom – wo denn sonst! -, und der zweimal zu hohe Pulsschlag liess sich bereits zuhause in Riano und dann nicht einmal im Krankenhaus bändigen: fortlaufend unregelmässige Schläge zwischen 150 und 160 pro Minute, trotz all der beruhigenden durch meinen Körper gejagten Medikamente. „Nun bleibt zur Senkung nur noch der Elektroschock übrig“, erklärte mir der sehr gerühmte und vielleicht auch berühmte Chefchirurg der Kardiologie-Abteilung des dem Apostel Petrus, dem ersten Papst, geweihten Ospedale.

Dazu brauchte er meine Unterschrift für den Fall der Fälle, den zweiten Fall konnte ich mir ausdenken, und schon war der Priester zur Stelle für die letzte Ölung. Ich fragte ihn, ob ich ihm anstelle seiner heiligen Handlung eine Geschichte erzählen dürfte. Er willigte ein. So berichtete ich, was sich in der Kapelle von Riano von dreissig Jahren zugetragen hatte:

Don Agostino lud die Dorfgemeinde zu einem Konzert in sein Gotteshaus ein. Eine Pianistin spielte Werke von Bach bis Debussy und dazwischen rezitierte ein Schauspieler Gedichte aus der italienischen Literatur. Schmunzeln und Gelächter zeitigte der Satz eines Dichters aus dem 19. Jahrhunderts „Non ci credo in Dio perciò mi son fatto prete“. (Ich glaube nicht an Gott, darum bin ich Priester geworden) Am Schluss der Veranstaltung wollte ich von Don Agostino wissen, was er von diesem Vers halte. Er schaute mich lange an, dachte wohl „Kann ich diesem Journalisten aus dem nordalpinen Raum sage, was ich wirklich denke. Ist er überhaupt fähig und bereit, uns Südländer zu verstehen, oder muss ich ihm wie den meisten Angehörigen aus nicht rein katholischen Ländern und Landesgegenden Sand in die Augen streuen?“ Schliesslich vertraute er mir angesichts meines langen Aufenthaltes in Rom und Umgebung und sagte unverhohlen:
„Pensandoci bene, c'è del vero“ (Wenn ich es mir genau überlege, hat es etwas Wahres).

Ich glaubte auf Anhieb, den wiederauferstandenen Heiligen Augustinus (den Lehrer der Berechtigung des Zweifels und Zweifelns) verstanden zu haben, wollte mich dann aber in der Schweiz bei unserem letzten hoch in den Nidwaldner Bergen lebenden Einsiedler Pater Eugen Mederle vergewissern. Sein schönes altes Gesicht leuchtete auf einmal und sagte nach meiner Erinnerung: „Schauen Sie, ich vertrat den Priester in seiner umbrischen Gemeinde. Die Einzigen, die Tag für Tag den Gottesdienst besuchten, waren alte und ein paar junge Frauen in langen schwarzen Röcken. Sie wollten von mir, im Beichtstuhl und wo auch immer, alles wissen, in der Vorstellung, dass ich als Priester Auskunft geben könne über die heikelsten Fragen

des Lebens und des Todes. In diesem Zustand der gänzlichen Überforderung und Ohnmacht hätte ich bald einmal den Glauben verlieren können. Wo es nur Glauben und Zweifel gibt, verlangten die frommen Leutchen sicheres Wissen, das es in den letzten Fragen gar nicht geben kann. Gott sei Dank. Wichtig ist, Tag für Tag um das zu ringen, woran man glaubt und zu hoffen, dass einem die Überzeugungen nicht in die Irre führen. Vergessen Sie nicht, Don Agostino sagte ja nur, es habe etwas Wahres daran und meinte wohl, dass Gottesglauben und Atheismus keine wirklichen Gegensätze, sondern sich gegenseitig bedingende Existenzformen des Denkens sind.“


Die Kirche hatte einen trotz allem vielleicht guten Anfang

Bei meinen Besuchen in der Schweiz und Deutschland hütete ich mich, diese Geschichte in evangelischen Kirchgemeinden zu erzählen. Die Gefahr, dass Don Agostinos Antwort unglaubhaft wirkte oder als blosse Zynik ausgelegt würde, ist bei Andersgläubigen, die Gottes Existenz unerschütterlich in der Bibel und andern heiligen Schriften verankert sehen, beträchtlich. In der Innerschweiz, im Fribourgischen und Wallis, freilich auch im Bündner Oberland und Freiamt brauchte ich weniger Bedenken zu hegen und pflegen. Da konnte ich auch das Gespräch mit einem höheren Prälaten in der Kurie erwähnen. Er sagte mir auf einmal: „Ja, mit der Kirche hat es zunächst schlecht begonnen. Petrus, der erste Papst, hat gesagt, er sei nicht würdig, wie der Herr zu sterben: Kopf nach unten liess er sich kreuzigen. „Das gehört zur allen bekannten Kirchengeschichte“, entgegnete ich und verstand nicht, was der Kuriengewaltige mit dieser Binsenwahrheit ausdrücken wollte. Wiederum schaute mich ein Italiener lange an und erklärte dann fast widerwillig: „Petrus wusste, dann geht es schneller. Der so Gehängte stirbt spätestens nach zwanzig Minuten, nicht – wie Jesus – wahrscheinlich erst nach vier Stunden“.

Die eigene Demut und Bescheidenheit zur Schau stellen, wo es im Grunde eine blosse Schlaumeierei ist, diese luziferische Gefahr lauert überall, wo Würde gefragt ist und die Bürde, die höchste Verantwortung, das servus servorum, der letzte aber wichtigste Ehrentitel des Papsttums, besonders belastend sind. Von den sechs Päpsten, die ich in Rom am Werk gesehen und den Tod aus dem Umfeld heraus miterlebt habe, kann ich nur von einem – Johannes Paul I. - sagen, dass er mehr als jeder andere Vorgänger und Nachfolger vom Augenblick der Annahme der Priesterweihe an bis zur Thronbesteigung im Vatikan – wirklich der Diener der Diener gewesen war. Bezeichnend seine Aussage auf allen Stufen seiner nie gesuchten und stets widerwillig auf sich geladenen Laufbahn bis zum Papsttum: „Am liebsten wäre ich Dorfpfarrer geworden mit meiner Mutter als Köchin.“


Als ich anstelle der letzten heiligen Ölung dem Spitalpfarrer diese Geschichte erzählte, lachte er und fand Don Agostinos Bemerkung „una battuta“, eine scherzhafte Bemerkung, um dann gleich mit ernstem Gesicht beizufügen: „Heute katholischer Priester zu sein, ist derart schwierig, dass es nur möglich ist, wenn man glaubt.“

Victor J. Willi, Rom Disentis

*Auf Wunsch des vom Verleger verwaisten Verlages (Christiana V.Stein a/R) füge ich noch bei, dass ich Autor bin des Büchleins „Im Namen des Teufels? Antwort auf David A. Yallops Bestseller 'Im Namen Gottes' über den angeblich mysteriösen Tod Albino Lucianis / Johannes Paul I., Möglichkeiten und Grenzen eines heiligen Heiligen Vaters, Erstauflage 1987, 5. Auflage. Frau Guillet, die Witwe ist nicht nur wegen der noch rund 1000 unverkauften Büchern meines Opus in Nöten und wäre froh um diesen Zusatz des Verfassers und seines Büchleins ihres Verlages! 31'000 Bücher sind verkauft: ein Mini-Goodseller
 

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