Wie die Willis Zolliker
Doppelbürger wurden
Mein Vater Dr. iur. Peter Willi – er hielt stets viel auf seinen akademischen
Titel – war die Vorsicht und Fürsorge in Person, mehr noch war er inbrünstiger
Sänger als berufener Rechtsanwalt. In erster Linie verstand er sich als
waschechter Bündner, genauer als Bürger von Ems. Zu einer Zeit, als niemand von
Domat-Ems sprach und die Emser Werke des Christoph Blocher noch Jahrzehnte lang
auf sich warten liessen, war er ebenso fürsorglich wie vorsichtig bis hin zu
einem Pessimismus, der ihm nicht einmal Pfarrer Zurfluh, ja selbst der
Jesuitenpater Gutzwiller im Beichtstuhl auszutreiben verstand. So genügte es ihm
nicht, das erste Bündner Chalet auf dem Gemeindegebiet von Zollikon zu besitzen.
Als Romontsch vom alten Schlag, genau von seiner Mutter aus Disentis her, nannte
er sein Haus an der Höhestrasse 61 Casa Grischuna. In der Schule hörte ich einen
Kameraden sagen, die Willis hätten halt zu wenig Geld besessen um sich in
Zollikon ein rechtes Haus aus Stahl und Beton leisten zu können.
Wenn sich mein Vater in den 30er Jahren um das Zolliker Bürgerrecht bemühte,
wollte er damit keineswegs seine Herkunft aus Graubünden vertuschen oder
verleugnen. Ihm ging es einzig und allein um die Sicherstellung seiner fünf
Kinder. Würden sie einmal verelenden, wovon er fest überzeugt war - wir
lieferten ihm Tag für Tag beste Gründe zur Unterstützung seiner trüben
Vorahnungen - dann wäre das Armenhaus in Zollikon für uns besser eingerichtet
als jenes ärmliche in der damals ärmlichen Gemeinde des vor Aufkommen des
Tourismus armseligen Kantons Graubünden. Tatsächlich erlebte er es, wie drei
Brüder seines Grossvaters in die USA, genau nach Wisconsin auswandern mussten,
weniger, um in Amerika das grosse Glück, vielleicht sogar Gold zu finden als zu
Hause der Verelendung zu entgehen.
Wenn er selber schon nach Zürich, dann nach Zollikon auszuwandern hatte, um
seine Frau aus St. Gallen bei guter Laune zu halten – für sie wäre der Umzug
nach Chur eine doppelte, nicht nur geographische Erniedrigung gewesen – so
wollte er mit seiner Casa Grischuna vor aller Welt seine Wurzeln offenbaren.
Obwohl er mehr als ein halbes Jahrhundert in Zürich und Umgebung wohnte,
weigerte er sich hartnäckig, den dort einheimischen – wie er sagte – hässlichen
Dialekt, das Züritütsch zu erlernen. Noch immer klingt es wunderbar in meinen
Ohren, wenn er uns anhielt „Kinder, schön müend ihr laufa“.
Auch wenn er uns schelten musste, klang es schöner als wenn die Mutter aus St.
Gallen sagte: „Wenn denn de Nebel weg isch, mache mer äs Farbföteli.“ Mein Vater
wusste genau, dass er und andere Bündner im Unterland häufig angehalten wurden,
einfach drauflos in ihrer Mundart zu reden, „weil es ja so schön klingt.“
Ich kenne eine sehr erfolgreiche Bündner Unternehmerin aus Felsberg, die – hält
sie sich einmal in Zürich, Basel oder Bern auf – immer wieder dazu verpflichtet
wird, ihr schönes Bündnerdeutsch zur Geltung zu bringen. Notfalls könne sie auch
aus dem Telefonbuch die Namen und Adressen lesen, Hauptsache, sie tat es in
ihrem schönen Bündner Dialekt, das einzige Schwizertütsch, das keine
Halskrankheit ist, meinen nicht wenige Bundesrepublikaner wenigstens aus
Norddeutschland.
Dass dieser prachtvolle Bündner Dialekt den Rätoromanen zu verdanken ist, die
vor ihrer Vertreibung durch die Walser, Alemannen und Bajuwaren das grosse
Gebiet zwischen dem Bodensee und der Adria bevölkerten, wusste mein Vater nicht.
Er war nicht Kultursoziologe, sondern ein möglichst tüchtiger Anwalt, um seiner
grosse Familie auch während der schweren Vorkriegs- und Kriegszeit über das
Existenzminimum hinaus eine ausreichende Ausbildung und im Fall meiner ältesten
Schwester Rosmarie eine stattliche Mitgift zu verschaffen. Jahrzehnte später
gestand er mir: „Wenigstens in dieser Hinsicht habe ich den richtigen Beruf
gewählt, denn in Notzeiten sind die gewöhnlich Sterblichen im besonderen Masse
auf den Rechtsbeistand angewiesen.“ Ein Velohändler hatte einmal zu wenig Geld,
um das bescheidene Honorar meines Vaters zu begleichen. So kam ich zu meinem
ersten Fahrrad und zum Zolliker Bürgerrecht. Er hätte dafür der Gemeinde
Zollikon 2400 Franken bezahlen müssen, eine gewichtige Summe während der
Depression der Dreissiger Jahre. Zum Glück reichte sie für alle fünf Kinder und
selbst für die Mutter aus St. Gallen. Man konnte ja nicht wissen, was anderswo,
mehr oder minder weit von der Goldküste, geschah.
Meistenteils und überhaupt,
kommt es anders als man glaubt!
Mittlerweilen verfügen weder Domat/Ems noch Zollikon über ein Armenhaus.
Eigentlich schade, schade wenigstens für mich, denn mit einer weit gespannten
Zeitungskette neben der Tätigkeit für Radio Beromünster/DRS wählte ich die
Freiheit, fiel aber in Sachen Altersfürsorge buchstäblich zwischen Stuhl und
Bank… mit der Hoffnung, dass das Ersparte und Ererbte mich noch ein Weilchen
über Wasser hält. Der Weitblick meines Vaters reichte weit, doch nicht so weit,
dass ich mich noch über Jahre hinaus über Wasser zu halten vermag. Pazienza: Wer
beides haben will – Freiheit und Sicherheit – hat bald einmal, früher oder
später das Nach-Sehen in des Wortes tiefster Bedeutung.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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