Leserbrief zum Aufsatz von
Prof. Ulrich Haltern am 9. Februar 2009 in der NZZ
Wer das Ziel nicht kennt, kann vom Weg nichts wissen
Im Aufsatz „Das Völkerrecht als Weg zum ewigen Frieden?“ hat Professor Ulrich
Haltern das bestehende Totalversagen überzeugend nachgewiesen: „Umfassende
Verrechtlichung geht Seite an Seite mit unvorstellbarer Gewalt…Wir halten es
nach wie vor legitim, individuelles Leben für das Leben des Kollektivs zu
opfern.“ Das von Ulrich Haltern gemeinte Kollektiv ist der jetzige souveräne
Staat. Der Staatsrechtler fragt sich aber nicht, ob dieses Kollektiv einmal eine
überstaatliche Institution sein könnte. Schon jetzt wirken Blauhelme der UNO
möglichst im Dienst aller Völker und Staaten und haben im letzten Jahrhundert
wenigstens in Korea und im Balkan, da und dort auch in andern Ländern
kriegerische Verhältnisse unterbunden, wenigstens gemildert. Ohne Sicherheitsrat
hätte seit 1948 der Ausbruch eines 3. Weltkrieges kaum verhütet werden können.
Die meisten Menschen sind so gut, wie sie daran gehindert werden können, sich
böse zu verhalten. Unter diesem Vorzeichen sind die Staaten in der späten
Vorzeit entstanden, wurden die nur Eigenmächtigen verbannt, eingesperrt,
unschädlich gemacht. Jetzt stellt sich die Frage, ob die heute durch
Weltwirtschaft, Weltkommunikation, Welttourismus vernetzten, aber durch
Erderwärmung, Nuklearwaffen im Besitz von wenigstens acht souveränen Staaten,
Verelendung der Dritten Welt, Weltterrorismus und neuerdings internationale
Finanzkrise bedrohten Staaten in der Lage sein werden, im Interesse möglichst
aller Menschen den gleichen Sprung, nun aber zu einer überstaatlichen Ordnung,
möglichst eines Weltbundesstaates zu tun.
Sind nicht alle Staaten so gut, wie sie daran gehindert werden könnten, sich
böse zu verhalten? Lässt sich das internationale Verbrechen, die Eigenmacht der
Staaten (nicht nur der Grossmächte) und die jetzige Finanzkrise auf eine andere
Weise eindämmen und überwinden? „Wer das Ziel nicht kennt, kann vom Weg nichts
wissen“ schrieb Werner Bergengruen. Das vom Staatsrechtler Ulrich Haltern
überzeugend nachgewiesene Völkerunrecht kann nicht das Ziel der Menschheit sein.
Bereits vor fast 13 Jahren schrieb Bundesrat Adolf Ogi in einem Brief an den
Verfasser: „…Die Welt wird in dem Masse zusammenwachsen, wie die globalen und
grenzüberschreitenden Bedrohungen zunehmen. Erst wenn die gemeinsame Not grösser
ist als die Vorteile der nationalen Unabhängigkeit, erst wenn Frieden als
Überlebensstrategie erfolgsversprechender als Krieg erscheint, wird es zur
Delegation von Souveränitätsrechten kommen. Der Weltbundesstaat muss allmählich
wachsen!“
Am 13. September 1996 gab es noch kein Attentat auf die Twin Towers, noch keine
so ausgeprägte Verelendung der 3. Welt, noch kein so offensichtliches Versagen
griffiger ökologischer Massnahmen und noch keine derart umfassende weltweite
Finanzkrise. Es droht the point of no return zu einer wirklich gesicherten
Friedensordnung, einer nicht nur wie 1991 propagierten Neuen Weltordnung!
Victor J. Willi, Rom Disentis
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