Zyklus: Schöne erlebte
Geschichten aus 5 Kontinenten
Humor, Bescheidenheit und Freundschaft im Welt-Tennis
Herrlich, die alle Grenzen überspringende lachende Träne in Roland Garros,
Wimbledon wie auch anderswo
Es mag verrückt erscheinen: mich interessiert an den grossen Meisterschaften
jeweils am allermeisten, wie die Spieler ihre eigene momentane Niederlage oder
aber den Vorderhand-Erfolg kommentieren. Der deutsche Julian Reister erklärte
nach dem ziemlich demütigenden Ergebnis 4:6, 0:6 und 4:6 gegen Roger Federer:
„Es sah aus, als müsste sich der Schweizer gar nicht erst anstrengen… Jetzt
kennt mich Federer wenigstens – das ist doch schon mal gut.“
Herrlich ist dieser spontane gleichsam direkt aus dem Herzen springende, alle
Grenzen sprengende Humor. Er ist umso lebenswerter, kaum zu übertreffen und
geradezu erstaunlich, denn das Vorurteil ist weltweit verbreitet, die Deutschen
hätten keinen oder lediglich einen nur für sie selbst verständlichen Humor.
Ganze Bibliotheken in allen Herren Ländern sind voller Lob für die
Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Tapferkeit und Treue der neuen oder wenigstens
Alt-Germanen, doch in Sachen Humor gibt es viele, die ihn lediglich den
Engländern, vielleicht auch mal den Amerikanern, Australiern und Holländern,
doch sicherlich nicht den Deutschen oder uns Schweizern zugutehalten. Irrtum:
Julian Reister lieferte einen der besten Gegenbeweise des äusserst sympathischen
und eben auch geistreichen Humors im Sinne einer lachenden Träne. Was für mich
und vielleicht ein paar andere Verrückte hundertmal mehr zählt als der grösste
Sieg auf dem Platz der Plätze in Paris, Wimbledon oder wo auch immer.
Das gute, doch für Roger national schlechte Zeichen
Nicht minder humorvoll im Sinn der Bescheidenheit angesichts einer möglichen
Niederlage reagierte Roger am vergangenen Donnerstag auf die Frage, was er vom
Spiel seines Schweizer Freundes und Spiel-Gegners Stanislas Wawrinka zwei Tage
später im French Open erwarte. Zu Beginn seiner Karriere als Tennisprofi habe
der Landsmann aus dem Kanton Waadt häufig um Ratschläge gebeten und davon
profitiert. „Jetzt fragt er mich nicht mehr nach Tipps. Das ist ein gutes
Zeichen. „Ist diese im Grunde auf das Schlimmste einer möglichen eigenen
Niederlage gefasste Bemerkung ein Erbstück seiner englischen Mutter aus
Südafrika? Oder seinerseits echt schweizerisch, wenigstens baslerisch? Dass die
Basler wenigstens unter uns Deutschschweizern über den treffsichersten Witz
verfügen, hat sich längst herumgesprochen. Vielleicht hat es mit dem Esprit der
Franzosen gleich jenseits der Grenze etwas zu tun. Vielleicht darf, ja muss
Federers Eingeständnis auch als individuelle Eigenschaft gewertet werden.
Jedenfalls wollte mir der Herausgeber der damaligen Nationalzeitung (jetzt
Basler Zeitung) vor meiner Abreise nach New Delhi zur Berichterstattung für sein
Blatt sagen, ich könnte nicht einfach ohne grosse Vorbereitung nach Indien
reisen, müsste vielmehr vorher die indische Geschichte studieren und alle im
Archiv der NZZ veröffentlichen Artikel des bewährten Indienkorrespondenten Roger
Bernheim bis zum Tag meiner Abreise im wahrsten Sinn des Wortes berücksichtigen.
„Schofseggels Weltreise“ „Wisse Sie, Herr Doggter, fir so Biebli, wo i de
Weltgschicht umefurze und Artiggeli brinzle, wo jede Sekundarlehrer ka sage,
dass sie falsch sind, hemmer än Usddrugg in de Redaktion: Schofseggels
Weltreise“. Wer einer Übersetzung dieses mundartlich formulierten Satzes bedarf,
hat vielleicht den Film „Die Schweizermacher“ der 70er Jahre nicht gesehen. Er
weiss jedenfalls nicht, dass mindestens die gute Kenntnis des Schwizertütsch,
nicht nur sein Verständnis, auch und vor allem den Zuwanderern oder
eingeheirateten Bundesrepublikanern abverlangt wurde. Jammerschade, dass der
ausserordentlich witzige und geistreiche Herausgeber und Professor an der
Universität Basel (übrigens im Fach Völkerrecht), Max Hagemann, so früh, mit
noch nicht 45 Jahren einem Krebsleiden zum Opfer gefallen ist.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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