Vom Verdingkind zum Verdinggreis

Mein Schwiegervater Otto Wintsch, Sohn wohlhabender Eltern in Illnau, verlor zu Beginn des letzten Jahrhunderts Vater und Mutter durch einen Verkehrsunfall. Der Zwölfjährige war von einer Stunde zu andern ein Waisenkind. Er musste froh sein, von einem Bauern als Verdingkind aufgenommen zu werden.

Viele Verdingkinder haben es damals gut getroffen. Sie wurden von den Pflegeeltern gleich gut oder gleich schlecht, jedenfalls ohne grossen Unterschied zu den eigenen Kindern behandelt. Otto hatte kein Glück. Er war als Verdingkind das fünfte Rad am Wagen, ein Verdingkind in des Wortes eigentlicher Bedeutung: Ein Ding, eine Sache für den Bauern, der ihn, als wäre Otto ein Sklave, nach Gutdünken behandeln und misshandeln konnte. Ohne Lohn, ohne gutes Wort für etwas Gutes, das er geleistet hatte, musste Otto dem mürrischen, wortkargen Bauern alle Dienste verrichten, die von ihm verlangt wurden, jahraus jahrein. Für den Kleinen ein Vorgeschmack von der Hölle, von der der evangelische Pfarrer in der Predigt wusste, was mit den Unfolgsamen geschah, wenn sie nicht taten, was die Grossen von ihm verlangten.

Ein fröhlicher Mensch bis fast 94 Jahre

Dass Otto Wintsch 80 Jahre zuvor ein Verdingkind war, habe ich erst am Ende seines langen Lebens erfahren. Plötzlich hatte der uralte, sonst fröhliche, überaus originelle Mann, wenn nicht sogar der Liebling, so wenigstens das Unikum des Seefeldquartiers in Zürich, Tränen in den Augen, als er darauf angesprochen wurde. Seine Tochter, meine Frau Cécile, als 17-jährige Mutter ohne bekennenden Vater, selbst vom Leben hart angefasst, hatte die plötzliche Trauer des Vaters nicht gleich begriffen, sie beinahe als lächerlich befunden, übertrieben, jedenfalls unglaubwürdig im Blick auf den sonst immer fröhlichen Vater, der nicht nur gerne lachte, sondern mit seinen Reden und dem ganzen Verhalten alle um ihn herum wenigstens zum Schmunzeln anregte. Auch wenn es wenig zu lachen gab, wie im Fall seiner dritten Frau, eine kugelrunde, liebenswürdige Baslerin, die – viel jünger als er, doch kränklich und spitalreif – im Stockwerk auf ebener Erde, wo sie wohnten, von den Pflegern lediglich durch das Fenster in den Krankenwagen verladen werden konnte. „Bringt sie ja nicht ins Neumünsterspital. Dort sind alle meine Freunde gestorben“, beschwörte Otto di Krankenpfleger vor dem Abtransport. Die Antwort liess lange auf sich warten: „Sie müssen wissen, Herr Wintsch, die Leute sterben auch in anderen Krankenhäusern.“

Die lachende Träne erheiterte das Seefeldquartier

Das hat uns Otto, als er noch der Otto war, den wir alle kannten und schätzten und liebten, nicht etwa traurig, sondern verschmitzt gesagt und als Bonmot im ganzen Seefeld erzählt. Rosa ist nicht gleich im Neumünster gestorben. Sie lebte noch einige Monate und konnte ob der unverblümten Bemerkung des Krankenpflegers ihrerseits herzhaft lachen. Trotz ihres doppelten Gewichtes passten die beiden gut zusammen. Manchmal frage ich mich, ob Otto Wintsch ohne seine Jugend ein derart fröhlicher, aufgeschlossener, mitteilsamer, köstlicher Mensch hätte werden können. Voller Witz und echtem Humor, der ja nichts anderes als eine lachende Träne ist.

Eine Kostprobe seines goldenen Humors erlebte ich bei meinem letzten Krankenbesuch im Altersheim von Wollishofen. Otto war völlig taub und konnte kaum noch weder sehen noch sprechen. Man musste sich schriftlich mit ihm verständigen. Auf einem Blatt Papier las ich seine letzten Worte: „Nächsten 5. Februar werde ich 94 – 14 Jahre zu viel.“ Dabei lachte er verschmitzt. Es war der letzte Sonnenschein seines zunächst schweren und dann durch den ihm eigenen Humor trotz allem oder gerade deshalb gemeisterten Lebens.

Verdinggreis In spe 2007

Mir selber war ein anderes, irgendwie umgekehrtes Leben beschieden. Von fürsorglichen Eltern umgeben hatte ich in den 20er und 30er Jahren keine Ahnung vom schweren Schicksal der Verdingkinder, die es auch in der reichen Gemeinde von Zollikon gab. Den Ausdruck „Verdingkind“ lernte ich erst als Erwachsener kennen. Aus Büchern. Sechzig Jahre später, als 80-jähriger, habe ich aber die Gelegenheit, ohne eigene Erfahrung als Verdingkind wenigstens so etwas wie ein Verdinggreis zu sein: Will ich noch ein paar Jährchen ohne körperliche und seelische Leiden leben, muss ich immer weiter, so lange das Lämpchen nicht ganz verglüht, wenigstens während der Wintermonate, möglichst viele Vorträge und Gesprächsrunden halten, um nicht dem Staat, der Krankenkasse, den Gemeinden Domat/Ems und Zollikon, meinen Kindern oder wem auch immer zur Last zu fallen. Bis 80 pflegte ich zu sagen: „Ich muss ausreichend viel verdienen, um nicht bald armengenössig zu werden“. Jetzt sage ich all den verständnisvollen Rektoren, Direktoren, Programmpräsidenten und wer auch immer mich zu einem Auftritt einlädt: „Bis ich umfalle, muss ich Vorträge halten, doch wenn ich eingeladen werden, nach der Weisung von Thomas von Acquin unterhaltsam lehrend und lehrend unterhaltsam Freude bereiten kann, falle ich nicht so bald um“.

Eine – meine – Wortschöpfung

Erst vor kurzem – im Rückblick auf meinen Schwiegervater, den lieben Otto Wintsch, der mich nie als Victor, sondern immer als „de Liäb“ anredete, vielleicht auch weil er in seinem hohen Alter meinen Vornamen vergessen hatte – kam mir plötzlich bei der Unterhaltung mit meinem besser gestellten älteren Bruder im Gegensatz zum festen Lexikonbegriff Verdingkind meine Wortschöpfung Verdinggreis in den Sinn.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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