Zyklus: Schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten


Der wunderbare Trödelladen im Welschdörfli

Der Trödelladen – oder war es ein blosser Standplatz? - an der Churer Kasernenstrasse, nahm dem Eingang zum Welschdörfli, hätte schon geschlossen sein müssen. Der junge Mann war am Zusammenräumen seiner Siebensachen. Viel hätte er heute nicht verkauft, meinte er. An sich bedeutete diese Bemerkung freilich nichts, nichts Bestimmtes: War es ein blosser Lockruf, der Hilfeschrei eines armen Verkäufers, der vielleicht reicher ist als ich? Was auch immer: ich sah ein ziemlich altes Tonbandgerät. Es laufe noch perfekt. Erfolgreich zerstreute der junge Mann meine Bedenken. Um mir jeden Ausweg einer Absage abzuschneiden, versicherte er, an sich würde „das Ding“ - so alt es sei und perfekt funktioniere – schlanke 350 Franken kosten, doch zu derart später Stunde – der Uhrzeiger zeigte bereits mehr als 20 Minuten Überzeit – gäbe er es mir für 50 Franken, „fast ein Geschenk, nicht wahr?“ fügte er bei.

Ob das Ding überhaupt funktioniere, blieb ein Rätsel. Die Zeit, um es zu testen, war längst abgelaufen. Ich hatte neunzig Minuten zuvor in einem Kindergarten nach einer „Lektion“ über schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten 50 Franken von der „Gärtnerin“ bekommen. Einfach so, aus ihrer eigenen Tasche, wie sie sagte und gar nicht wusste, ob sie je dafür von irgend woher, sogar vom Staat, das heisst der Schulbehörde entschädigt würde. Die junge Frau – eine waschechte Bündnerin – war so hübsch, dass ich – uralter Mann – für den gleichen Betrag noch eine Stunde länger bei ihr und ihren Kindern geblieben wäre. Doch das ist reine Theorie, gleichsam ohne Fleisch am Knochen, noch mehr ein zu voll genommener Mund, wie der Volksmund sagt: denn ich hatte ihr Wirkungsfeld erst um elf Uhr, kurz nach einem Aufenthalt im Kantonsspital, betreten.


Besiegte Wehmut durch Humor

Ihre Grosszügigkeit rührte mich, und die fröhlichen Gesichter all der Kinder schenkten mir neue Lebenskraft, fielen wie vom Himmel nach dem eher schlechten Befund aus dem Krankenhaus. Da kam mir der Satz meines jüngeren Bruders – per Fax in grossen Lettern aus Südfrankreich übermittelt – in den Sinn „Morgengedanken: Seinen eigenen Tod kann man nicht beweinen. Schade“. Gut sichtbar vom Schreibtisch aus ist der Zettel am Büchergestell meines Einerzimmers in Disentis befestigt und lässt mich alle male, wenn ich den Satz lese oder auch nur bedenke, schmunzeln, vielleicht sogar lachen. Im Selbstgespräch sagte ich mir an Ort und Stelle: „Wenn das Tonbandgerät überhaupt nicht funktioniert und auch nicht von einem Freund repariert werden kann, so nehme ich das Wagnis eines Kaufes ohne die geringste Garantie in Kauf, „einfach so“, wie mir die Kindergärtnerin die grüne Note „einfach so“ in die Hand drückte und sich erst noch für meinen spontanen Besuch - mehr Überfall als Einladung, im Grunde eine „Meinladung“ - bedankte.


Bündner Version einer italienischen Redensart

In Italien gibt es einen wunderbaren Satz: „l‘amico di un amico è un amico, der Freund eines Freundes ist ein Freund“. Obwohl die Kindergärtnerin vermutlich den Trödelladenbesitzer nicht kennt – doch in einer Kleinstadt wie Chur kann man das nicht
wissen und was noch nicht ist, das kann noch werden – die Augen der Kinder in ihrem Garten leuchteten während der Erzählstunde so sehr, dass ich so reich beschenkt wurde, dass – selbst wenn sich das Ding als Unding erweisen sollte, ich dem jungen Mann getrost die grüne Note in die Hand drücken konnte. Gedacht, getan.
Zuhause überprüfte ich „das Ding“ und fand es klanglich besonders wunderbar: denn je nach Lust und Laune konnte ich ein Musikstück dumpf oder spitz erklingen lassen. Das vermögen neue Tonbandgeräte nicht mehr zu bieten. Da ist einfach alles perfekt, so vollkommen registriert, wie es gespielt, aufgeführt wurde.
„Poor new world“, arme neue Zeit, sagte ich mir nach dem ersten gehörten Konzert aus dem alten Kasten. Der Besuch im Trödelladen und das geschenkte Vertrauen haben sich bestens gelohnt. Nach vier Jahren fast Tag für Tag auf derart besondere Art beglückt zu werden, eigentlich für nichts gemessen an der mir von der Kindergärtnerin überreichten Fünfzigernote, lässt mich Mozart, Michael Haydn oder auch einmal Johann Sebastian Bach oder Franz Schubert im Rückblick auf den jungen ehrlichen Trödelladenbesitzer und die wirklich attraktive Kindergärtnerin – eine Bündnerin, versteht sich – umso mehr geniessen.
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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