Gedanken über die Festtage hinaus


Jeder Tag des Jahres ein Heiliger Abend
Wie zwei Römer Engel mir vom Himmel fielen

Es geschah am Heiligen Abend vor einigen Jahren. Auf der eiligen Fahrt zum Airport Fiumicino-Rom verlor ich auf dem nasskalten Asphalt voller Blätter die Kontrolle über den Wagen und streifte ein Eisentor. Der Fiat rührte sich nicht mehr von der Stelle.

Was tun kurz vor acht Uhr am Heiligen Abend? Ich eilte zur nahen Kaffeebar. Dort gab es keine Telefonkabine, nur einen Apparat nahe der zischenden Kaffeemaschine. Ich musste laut sprechen. Alle konnten es hören. Die Polizei wollte nur wissen, ob man neben dem beschädigten Wagen vorbeifahren könne. „Ja, dann kommen Sie mit der Angelegenheit am 27., jetzt ist Weihnachten. Wir feiern, haben keine Zeit.“ Nicht einmal die angeblich so viel besseren Carabinieri halfen mir aus der Patsche. Mit der Schweizer Botschaft setzte ich mich gar nicht erst in Verbindung. Ich wusste schon damals, was eine Botschaft, jede Auslandvertretung ist: Das ist eine Institution, die dir beweist, dass sie in deinem Falle nichts ausrichten kann.

In dieser verzweifelten Lage trat ein Mann mittleren Alters auf mich zu. Er entschuldigte sich, es gehe ihn nichts an, doch er habe gehört, dass ich in Not sei, er könne mir helfen, habe einen Freund nicht weit vom raccordo, der Garagist wohne im ersten Stock über der Werkstatt. „Haben Sie nichts Besseres zu tun, jetzt am Heiligen Abend?“ wollte ich wissen. „Oh nein, ich bin auf dem Weg von Bologna nach Neapel, erwiderte er.

Wir fuhren zur Garage. Nach dem Hupsignal gab es Licht auf dem Balkon, und eine Stimme sagte. „Sergio, was willst du?“
„Giovanni, ich habe einen Freund, er ist in Not, könntest du...“ Der Freund war ich, nach weniger als einer viertelstündigen Bekanntschaft.
Giovanni unterbrach das Festessen im Kreis der Familie, zog sich eilends um und fuhr mit dem Abschleppwagen zur Unfallstelle. Nach Abklärung des Sachschadens fragte er: „Wann wollen Sie aus der Schweiz zurückkehren... am 7. Januar, wunderbar, da habe ich alle Zeit und kann Sie dann mit dem reparierten Auto am Flugplatz abholen“.

So geschah es und kostete erst noch wenig, denn in Italien ist der Freund eines Freundes ein Freund. Zwei Engel sind mir an jenem denkwürdigen Heiligen Abend 1971 vom Himmel gefallen. Es war die echteste Weihnacht meines Lebens: Fremde Menschen sind mir in der Not sofort beigestanden, haben den Unbekannten als Nächsten behandelt, als würde er zu ihrem Klan gehören.
Die übliche weltweit gefeierte Weihnacht ist auf ihre Weise schön: Man erhält ein Geschenk und gibt ein Geschenk, und ist das Geschenk des andern grösser als das eigene, so sucht man den Ausgleich im nächsten Jahr... oder auch nicht. Geschenke können derart beschämen, dass der Überforderte auf ein Gegengeschenk verzichtet... verzichten muss!

Ich gebe, damit du gibst... ein uralter Brauch

Das hat im Grunde nichts mit Weihnachten, aber sehr viel mit einem uralten Brauch unter
sozusagen allen Völkern seit eh und je zu tun: Geschenke werden erwidert. So ist auch der Welthandel aufgekommen: Die alten Phönizier fuhren durch das Mittelmeer, legten ihre Schmuckstücke an die Ufer der sogenannten primitiven Völker und kehrten auf ihre Schiffe zurück. Die „Naturvölker“ merkten bald, dass die Seefahrer für diese wunderschönen Halsketten, Fingerringe und Spangen etwas haben wollten, und seien es auch „nur“ Früchte und andere Lebensmittel, um weiterfahren zu können. Die nüchternen antiken Römer brachten die Angelegenheit auf den Punkt: „do ut des“, ich gebe, damit du gibst.
Nicht so Sergio und Giovanni, die Freunde, die den fremden Menschen in der Not nach kurzer Bekanntschaft als ihresgleichen behandelten und Jesus Christus nicht nur verehrten, sondern in sich und mit mir zum Leben erweckten.

„Mach was Gutes und vergiss es gleich!“

Fünfzehn Jahre später hatte ich wiederum in der Garage zu tun. Ich fand den Engel, der mir damals so sehr beigestanden ist. Ich fragte ihn, ob er sich daran erinnere, wie ich ihn beim Weihnachtsessen störte, er sich sofort umgezogen, zur Unfallstelle gefahren und mich zwei Wochen später in Fiumicino mit meinem Wagen abgeholt habe.
Giovanni schaute mich lange an, blickte dann in die Höhe, schaute mich wiederum an, um schliesslich zu sagen: „Natale sì, natale no, lo facciamo sempre“ ( Weihnachten hin oder her, das machen wir immer).
Sergio und Giovanni haben aus jedem Tag des Jahres einen Heiligen Abend gemacht, dem Festtag seine grösste Würde und eigentliche Bestimmung verliehen. Das entsprechende italienische Sprichwort lautet: „Fa del bene e scordartelo!“ (Mach etwas Gutes und vergiss es sogleich!)

Victor J. Willi, Rom Disentis

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