Schweizer Sieg 0:1 – ein
Versprecher?
Die Sprecherin des Kultursenders von Radio DRS 2 in Basel – wo denn sonst? –
befand sich während des grossen unerwarteten einmaligen Sieges der Schweizer
Fussballmannschaft gegen Europameister 2008 und weltweit gefürchteter Anwärter
auf den Weltmeistertitel Spanien im menschenleeren Supermarkt. Da unterbrach der
Lautsprecher die wunderbare Stille in der Kathedrale von heute mit der Ansage:
„Schweizer Sieg 0:1.“ Es hätte doch 1:0 heissen müssen? War es einer der vielen
Versprecher, mit denen sich lange vor der sogenannten Mündigkeit Sigmund Freud
vielleicht als erster bereits vor fast 150 Jahren beschäftigte?
Wie so häufig – fast immer – führte ein Erlebnis den Vater der Psychoanalyse zu
seiner Versprechenspsychologie. Zum Vortrag einer wissenschaftlichen Koryphäe
hatten sich im grossen Saal nur wenige Leute eingefunden. Der Vorsitzende war
sehr enttäuscht – welche Blamage auch für ihn! – In der berechtigten Annahme,
den Vortrag in einem bis zum letzten Sitzplatz gefüllten Saal ankündigen zu
können, erklärte der seinerseits berühmte Herr Professor „. . . und damit
erkläre ich die Veranstaltung für geschlossen“. Freilich korrigierte der
Veranstalter seinen faux pas unverzüglich mit der Bemerkung „Natürlich wollte
ich e r ö f f n e n sagen, entschuldigen Sie mich bitte, meine Damen und Herren,
ich bitte vor allem Sie, sehr geehrter Herr Kollege, für den Versprecher“. Da
gab es aber keine Entschuldigung. Dieser Versprecher kam nicht von ungefähr.
Der aufmerksame junge Sigmund hat hinter die Kulissen der offenen Sprache
geblickt, den Versprecher des seinerseits berühmten Mannes durchschaut und
daraus eine ganze Lehre entwickelt und schliesslich ein Büchlein darüber
verfasst.
Wie erklärte sich der Versprecher im Basler Supermarkt? War der Schweizer Sieg
derart unwahrscheinlich, dass für den Sprecher im grossen Warenhaus nur der
Versprecher 0:1 statt 1:0 übrig blieb?
Sozusagen alle Eidgenossen und erst recht die Spanier in Spanien und in unserer
Mitte rechneten mit dem Erfolg der spanischen, nicht der Schweizer Mannschaft.
Hitzfelds Jünger wollten bestenfalls mit einem Unentschieden 0:0, 1:1 oder 2:2
sich aus der Schlinge ziehen. Sozusagen alle rechneten mit dem Untergang dieses
Davids vor der Allgewalt des Goliaths – wenigstens in dieser Angelegenheit; denn
die Bibel ist die Bibel und mag noch so vielen Hoffnung spenden. Lediglich ein
kenntnisreicher Roulette-Spieler erklärte mehr oder minder spassig: „Nach 18
Niederlagen muss irgendeinmal ein Sieg kommen. Das bezeugt die
Wahrscheinlichkeitsrechnung und der gesunde Menschenverstand.“ Und siehe da: das
gewöhnlich Unmögliche wurde zum Seltenen, doch immer irgendwie Vorhandenen
möglich. Umso grösser die Freude im ganzen Land, wenigstens unter den
„Alteingesessenen.“
Hintergründiges ist wichtiger als Vordergründiges
Vielleicht müssen wir (wieder) lernen, dass Fragen wichtiger und vor allem
interessanter als vermeintlich felsenfeste Antworten sind. Richtiger auch als
all das, was Facebook und andere Neuigkeiten der Computerwelt fortlaufend
„ausspucken“. Das mag sogar für unsere Religionen und Konfessionen, ja selbst
die Philosophie gelten. Bleibt Gott mehr ein Geheimnis als das feste Bekenntnis,
wird nicht mehr nur d e r Allmächtige, sondern d a s Allmächtige, etwas nicht
geschlechtlich Bestimmbares und Bedingtes verehrt, und vieles, was uns
gottbefohlen erscheint als blosser Zufall erkannt und anerkannt, immer mit der
Möglichkeit, dass es auch etwas Höheres oder Tieferes sein kann, wird den
Kriegen und Missverständnissen unter den Religionen, Konfessionen, Ideologien,
Weltanschauungen jeglicher Art in hohem Masse der Boden entzogen. Dann werden
wir etwas bescheidener und nähern uns der Erkenntnis der alten Mystiker, die
mehr vom selbstkritischen als den selbstgerechten Gewissheiten all der Hüter im
Besitz der unverrückbaren Wahrheit halten. So mag das Völkergemisch zu dem
führen, was auch internationale Wettkämpfe sein sollten und vielleicht einmal
sein werden: nicht nur der fröhliche Ersatz für den schrecklichen und
schliesslich gar nicht mehr möglichen, weil alle vernichtenden Krieg, sondern
die Freude am schönen Spiel und an der Grösse des blossen Zufalls statt all
unserer Berechnungen, Hoffnungen und Vorhersagen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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