Schöne erlebte Geschichten aus
5 Kontinenten (106)
Offene Kinderherzen, verschlossenes Klassenzimmer
Besuch im Oberstufenschulhaus von Flawil
Ob ich nicht auch ihre Englischklasse besuchen könne. Sie hätte von einer
Freundin soeben erfahren, wie interessant meine Lektion über Australien gewesen
sei. Mit vielen Beispielen hätte ich gezeigt, wie ausserhalb der Städte der
Fünfte Kontinent noch immer den Beinamen Wilder Westen im Fernen Osten verdiene,
das urbane Australien hingegen den ersten milden Westen darstelle. Ich dankte
für die Bemerkung, sei aber nach bereits drei Lektionen an diesem Morgen etwas
müde und wollte eigentlich am Nachmittag nach Chur fahren, liess ich die
Schülerin der dritten Sekundarklasse wissen. Sie fand dies sehr schade. Nach
einer kleinen Besinnung fragte ich sie – wir hatten das Schulhaus bereits
verlassen – wann denn ihre Englischstunde beginne. Um vier Uhr. Ich willigte
ein, es mir zu überlegen und für den Fall der Fälle, dass die Lehrerin
einverstanden sei und ich so lange in Flawil verbleiben könne, würde ich um vier
Uhr beim Eingang zur Verfügung stehen.
Mit Blumen in der einen und Mozartkugeln in der andern Hand
Umringt von Klassenkameradinnen stand sie bei meiner Ankunft bereits vor dem
Portal. Reich befrachtet mit einem wunderschönen Blumenbouquet und einem kleinen
Sack voller Mozartkugeln begrüsste sie mich. Die Lektion könnte leider nicht
stattfinden. Die Lehrerin hätte ein Examen vorbereitet, doch für den Fall meines
Kommens wollten die Kameradinnen mich mit diesen Blumen und den
Schokoladenleckerbissen entschädigen. Ob ich mich noch an ihren Namen erinnere,
wollte die Schülerin mit all den Köstlichkeiten in der einen und der andern Hand
wissen. Welche Schande: Vom Vormittag zum Nachmittag hatte ich ihn vergessen.
Sie nannte ihn nochmals. Ich glaube, es war ein fremdländische Name
muselmanischer Herkunft.
Könnte ich mich nur daran erinnern, ich gäbe viel dafür...
... und verständlich ist mein jetziges Bedürfnis, ihn zu erfahren. Nach der
Volksabstimmung vom 28./29. November noch viel grösser und ein guter Grund,
diese Geschichte zu erzählen. Stand er im Zusammenhang mit der wuchtigen
Mehrheit – fast 58 % - für das Verbot des Baus weiterer Minarette auf Schweizer
Boden? War es eine besondere Enttäuschung für diese Drittsekschülerin? Ein
Zeichen dafür, wie die Verehrung des Göttlichen und das Schenken von etwas Gutem
an keine Grenzen gebunden sind und überzeitlich sein sollten, doch mit einem
rigorosen engstirnigen Verbot einfach unterbunden werden, der einzelne Verfemte
sich aber nicht daran zu halten braucht? Wollte die Schülerin aus diesem, keinem
andern Grund wissen, ob mir ihr Name im Gedächtnis haften geblieben ist? Mit
ihren grosszügigen Geschenken ein deutliches Zeichen der im Grunde alle Grenzen
sprengenden, die ganze Menschheit umfassenden Integration setzen? Eigentlich
wäre ja die gegenseitige Assimilation aller Erdenbürger untereinander vonnöten.
Wie ich es in meinem Buch „Überfremdung – Schlagwort oder bittere Wahrheit?“ (Ex
Libris Zürich und Herbert Lang Verlag Bern aus dem Jahre 1970) wenigstens
für das Jahr 2000, das dritte Jahrtausend nach Christus in einem ganzen Kapitel
gewünscht hatte.
Wie naiv war ich vor vierzig Jahren und wie sehr haben wir Schweizer uns mit der
Forderung der einseitigen Integration der Ausländer an die Einheimischen statt
der früher oder später unumgänglich werdenden gegenseitigen Anpassung von dem
entfernt, was über die Jahrzehnte hinweg unumgänglich werden muss und bei Licht
betrachtet, auch ohne Volksabstimmung schon da und dort und nicht nur in der
Schweiz tatsächlich gelebt wird?
Wie auch immer die grosszügige Schenkerin heissen mag, ihre Liebenswürdigkeit
über alle Grenzen auch des Alters hinweg hat sich jedenfalls auf wunderbare
Weise offenbart. Wie die Sekundarschülerinnen mir auf dem kurvenreichen Weg bis
zum Parkplatz mehrmals, bei jeder Biegung, zugewunken haben, werde ich nie
vergessen, gehört es doch zu den schönsten Erlebnissen meiner seit Jahrzehnten
ausgiebigen Besuchen in den Schulen auch im Ausland, von den Kindergärten bis
hin zu den Universitäten und dazwischen in ungezählten Rotary und andern Service
Clubs bis hin zu Seniorenheimen selbst in entlegenen Gegenden.
Vom wilden zum milden Westen 220 Jahre nach der Entdeckung
Ist das abgelegene Australien fern von den Städten das Überbleibsel des Wilden
Westens in den Vereinigten Staaten, so liefert der urban gewordene Fünfte
Kontinent diese Neue Welt, in manchen Belangen verblüffende Beispiele des
besonders milden Westens im Fernen Osten. Wo in aller Welt wurden ehemalige
Wehrmachtssoldaten ermuntert, ihre deutsche Sprache weiterhin zu pflegen und
erhalten von der Hauptstadt eine staatliche Unterstützung für ihre
deutschsprachigen Publikationen? Wird da nicht mit mehr als 50 Radiostationen
selbst für kleine Einwanderergruppen ein Multikulturalismus gepflegt, von dem
wir Europäer nur träumen können? Freilich ist Australien ein grosses reiches
Land, das sich das leisten konnte. In Flawil habe ich wenigstens drei
Drittsekklassen vorgefunden, deren Lehrpersonal mir ein Wirkungsfeld nicht
vorenthalten hatten.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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