Nicolas Bernoulli –
Schwarzes Schaf oder Held im Kalten Krieg?
Wie der Nachfahre der berühmten Basler Mathematiker in Indien verschwand und
nach Jahren wenigstens in Westdeutschland willkommen geheissen wurde
Söhne grosser Männer haben es schwer. Diese Binsenweisheit der
Literaturgeschichte erläuterte Schulprofessor Weber 1943 am Beispiel von Goethes
ungeratenem Sohn – worauf in der hintersten Sitzbank des Klassenzimmers in der
Zürcher Kantonsschule einer, gut hörbar auch für den Herrn Professor, knallhart
kommentierte: „Da hat es Ihre Tochter wahrlich besser!“
Der 15jährige Nicolas Bernoulli hatte nicht nur einen bekannten Vater, der an
der ETH dozierte, sondern gleich haufenweise berühmte Vorfahren. Während mehr
als hundert Jahren besetzten sie den Lehrstuhl für Mathematik an der damals
weltberühmten Basler Universität, der ersten bereits vor 550 Jahren gegründeten
Hochschule in der Schweiz. Das war zwar sehr lange her, doch wer dem Grossen
Brockhaus gleich sieben wohlklingende Namen beschert, erlangt selbst nach
dreihundert Jahren auf eigene Rechnung Unsterblichkeit.
Ich lernte Nicolas Bernoulli in Zollikon kennen. Er zog es aber vor, als Cola
angesprochen zu werden. Da seine Basler Mutter keine Hausangestellte hatte –
„das isch hite nimmi modäärn“ – war er häufig bei uns zu Gast. In der Casa
Grischuna an der Höhestrasse 61. Mein Bruder Robi drückte neben dem Abkömmling
der grossen Vorfahren die Schulbank im Athenäum-Gymnasium unweit des
Hegibachplatzes. Cola weigerte sich, das seiner Meinung nach hässliche
Züritütsch zu erlernen. Wir Kinder fanden sein „Baselditsch“ amüsant und
ergötzten uns an seiner Originalität.
Der einzige tapfere kalte Krieger aus der Schweiz
Diese Eigenschaft verschaffte Nicolas Bernoulli drei Jahrzehnte später
wenigstens für ein paar Tage Weltruhm auf eigene Rechnung. Der Soldat der
Schweizer Armee verwischte seine Spuren, nahm seinen Karabiner und verliess sein
Land Richtung Graz, wo er die österreichisch-ungarische Grenze überschritt. Sein
Vorhaben war, nicht nur - wie die meisten seiner Landsleute - über den grausamen
Überfall der Sowjets in Ungarn zu schimpfen, sondern mit seiner eigenen Waffe
den Erzfeind der bürgerlichen Gesellschaft im sogenannten freien Westen, aus dem
Hinterhalt, einen Sowjet-Soldaten nach dem andern, zu erschiessen, auf die
Gefahr hin, für die gute Sache den Heldentod zu erleiden.
Die heroische Absicht scheiterte an Colas Unkenntnis des verwinkelten
Grenzverlaufs der beiden Länder. So befand er sich auf seinem Marsch gegen den
bösen russischen Invasoren plötzlich wieder auf österreichischem Territorium und
wurde unverrichteter Dinge von einem grünen Grenzwächter entwaffnet und
verhaftet, zwecks Auslieferung an die Schweiz.
Zuhause fanden die meisten Medien das Vorgehen des direkten Nachfahren des
berühmten Nikolaus Bernoulli (1687 – 1759) unerhört: Wo käme man hin, wenn jeder
Schweizer Soldat mit dem ihm anvertrauten Sturmgewehr die Landesgrenzen
überschritte und seinen persönlichen Krieg gegen irgendeinen Feind in Szene
setzte! Es gab aber auch viele Stimmen, die Cola zugute hielten, er hätte
lediglich das getan, was die meisten Schweizer die Faust im Sack, aber eben nur
im Sack, für richtig, ja heroisch, nach alten Sitten und Gebräuchen sogar für
nötig erachteten.
Er suchte und fand sein Heil im Orient und später in Westdeutschland
Der Verhaftung in Zürich kam Cola durch die Flucht ins Ausland zuvor. Er tauchte
unter. Niemand wusste während Jahren, wohin er sich gerettet hatte… bis fünf
Jahre später ich ihn plötzlich – zufällig oder nicht – an einem Tischchen in der
Kaffeebar nahe der Stampa Estera, Sitz der Auslandpresse in Rom, entdeckte.
Neben ihm sass eine Inderin, seine junge Frau. Er erzählte mir die
abenteuerliche Reise in den Orient, wie er von der indischen Gesellschaft
wahrscheinlich auch dank seines berühmten Familiennamens, der in jedem Lexikon
steht, herzlich willkommen geheissen und vor dem Zugriff der Behörden des jungen
Staates bewahrt wurde.
Colas Geschichte war freilich ein gefundenes Fressen für jeden Journalisten. Ich
teilte sie lediglich der Radaktion der National-Zeitung (jetzige Basler Zeitung)
mit. Der Tages-Anzeiger hätte die Top-News gerne selber und vor jeder andern
Zeitung auf der ersten Seite veröffentlicht und engagierte mich umgehend
zunächst für die Korrespondenz aus New Delhi und nach meiner Rückkehr fünf
Monate später als festen Italienkorrespondenten in Rom. Mrs. Und Mr. Bernoulli
fanden in der Bundesrepublik Gastfreundschaft. Jenseits der Oder-Neisse-Grenze
wäre er von den DDR-Schergen sehr unsanft behandelt, vielleicht sogar als
exzellenter Klassenfeind hingerichtet worden.
Ob die reichen Basler Verwandten den in Ungarn, Indien und Westdeutschland
verlorenen Sohn wenigstens heimlich unterstützten, weiss ich nicht, kann es mir
aber sehr gut vorstellen. Was immer er tut, ein Bernoulli ist ein Bernoulli,
verdient Hilfe. Das schuldet man seinem eigenen grossen Namen all der berühmten
Gelehrten nicht nur auf dem Gebiet der Mathematik. Ich selber habe ihn über
Jahre nicht mehr gesehen, erfuhr dann aber plötzlich, und zwar von ihm selber,
dass er sich am deutschen Fernsehen für einen Wettbewerb anmeldete. Das geprüfte
Fachgebiet war – der aufmerksame Leser hat es längst begriffen – die Schweizer
Geschichte. Hätte er gewonnen, wäre er sicherlich auch in der Schweiz wegen
seines Namens wenigstens für einen Tag zu Ruhm und Ehre gekommen.
Sang- und klanglos ist Nicolas Bernoulli kurz nach seinem verfehlten Auftritt im
ARD-Fernsehen gestorben. Sein Name steht nicht im Lexikon, und ich bezweifle,
dass man im Bernoulli-Archiv in Basel viel über ihn erfahren kann. Umso besser,
wenn ich mich täusche.
Jedenfalls mag ich mich genau erinnern, dass mein Vater seinen Kronprinzen
fragte, ob Cola am Athenäum gut im Fach Mathematik abschneide. Robi musste es
verneinen. Der zur Rede gestellte Cola war seiner Sache aber sehr sicher: Sein
Ururururgrossvater Nikolaus Bernoulli sei 1716 Professor der Mathematik in Padua
gewesen, sechs Jahre später Professor der Logik und 1731 Professor des
Lehnrechts in Basel. Er habe die Wahrscheinlichkeitsrechnung auf Rechtsprobleme
angewandt.
Für meinen Vater, Anwalt von Beruf, schien dies ein Quantensprung sondergleichen
zu sein. Für Cola war es ein gutes Alibi, Jurisprudenz zu studieren und Anwalt
zu werden, um in eigener Sache vierzig Jahre später erfolgreich dem Zugriff der
Schweizer Behörden zu entgehen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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