Das war nicht Nadal, den wir liebten
Rafael Nadal hat in Montreal am Donnerstag das Viertelfinal erreicht, also vier minderen Konkurrenten mit immerhin internationaler Klassifizierung das Nachsehen gegeben. Was die Tennisfans bisher von ihm gesehen hatten, offenbarte allerdings eine derart langweilige Spielweise, dass auch ich das Match nur noch stellenweise ansah. Welcher Gegensatz zum Endspiel in Wimbledon gegen Roger Federer letztes Jahr!
Rafaels Angst, erneut einer Knieverletzung zum Opfer zu fallen, war allzu offensichtlich. Von den Urlauten vor jedem Balleinsatz, nicht nur vor den unhaltbaren „Hammerschlägen“, war kaum etwas zu hören. Man spürte: Rafael Nadal hatte mehr Angst vor sich selbst, der möglichen Rückkehr seiner Knieschmerzen als vor dem Gegner. So bot er alles andere als das Spektakel, mit dem der junge Mallorkaner seit Jahren das Publikum ergötzte. Nicht wenige Kommentatoren fanden las letzte Spiel der Spiele in Wimbledon langweilig, weil Nadal der ganzen Veranstaltung nicht seinen besonderen Stempel aufgedrückt, die Gegner buchstäblich in die Knie gezwungen hatte. Ohne Knieverletzung hätte er dabei vielleicht ein zweites Mal gewonnen.
Im Interview vor seiner prächtigen Villa auf der balearischen Insel für das spanische Fernsehen bestätigte Rafael vor zwei Wochen einmal mehr, es gehe ihm gar nicht darum, erneut die Nr. 1 des Welttennis zu sein. Er möchte nur gut spielen können, das Resultat sei zweitrangig. „Hoffentlich muss ich nicht auf meine Knieverletzung Rücksicht nehmen“, erklärte er auf eine geradezu kindliche Art und Weise. Sie +verschaffte der scheinbar bloss rhetorischen Erklärung hingegen vollständige Authentizität.
Mag sein, dass mit jedem neuen Spiel, das Rafael Nadal nun in Montreal oder Cleveland oder wo auch immer gewinnen wird, mit der vermehrten Herausforderung der alte Rafael – wer weiss nicht einfach „nur“ ein Spanier, sondern einer mit Zigeunerblut – in ihm erwachen wird. Und ihn schliesslich einmal mehr, wie während Jahren, buchstäblich die Oberhand gewinnen lässt. Für die Lust des Publikums an einem spektakulären (grausamen) Spiel auf Biegen und Brechen mit von Urwaldgeschrei eingeleiteten unbarmherzigen Schüssen und anschliessend orkanhaften Beifallskundgebungen mit standing ovations am laufenden Band wäre es zu wünschen. Für Nadals Knie vielleicht nicht.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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