Ist Nadals Pech mein Glücksstern?
Des einen Leid ist des andern Freud oder
Wie es das Tragische nicht nur im Sportgeschehen, sondern auch am Arbeitsplatz selbst im hohen Alter gibt
Ein wunderbarer Brief flattert ins Haus, das heisst genauer, wird von der Fax-Maschine ausgespuckt und landet auf dem Boden in meiner Abwesenheit.
Da nimmt sich eine einfühlsame Redaktorin – D.B. - die Mühe für meinen Leserbrief (den ich als langjähriger Korrespondent ihrer Zeitung auch als Artikel angeboten habe) mit den schönen Worten: „Ich habe Ihre Analyse von Nadals Versagen mit grossem Interesse gelesen und hätte das Schreiben sehr gerne gebracht, allerdings wurden wir anfangs der Woche geradezu überschwemmt von Briefen zum Fall René Kuhn.
Da die Affäre um den Luzerner SVP-Grosstadtrat die Leser unserer Zeitung sehr bewegt hat, musste ich der Diskussion um die Angelegenheit ordentlich Platz einräumen. Als ich dann eine Gelegenheit sah, Ihren Brief zu bringen, war er plötzlich nicht mehr aktuell.
Ich habe auch noch mit der Sportredaktion über den Text gesprochen. Meine Kollegen dort waren sehr angetan davon und haben eine Kopie als Gedankenanstoss behalten. Sie haben mich aber in meinem Entscheid gestützt, das Schreiben nicht mehr als Leserbrief zu bringen.
Ich bedaure, Ihnen keinen besseren Bescheid geben zu können. Weitere Leserbriefe von Ihnen prüfe ich selbstverständlich gerne...Mit freundlichen Grüssen
D.B.“
Oder darf ich statt den zwei Buchstaben den Namen in vollem Umfang veröffentlichen? Zu seinem Wohl, zum Segen der wirklich wunderbaren Redaktorin, die sich die Mühe nahm, meine – wie sie schreibt - Analyse buchstäblich zu würdigen und zu empfehlen, dass sie ein Redaktor der Sportabteilung für eigene Gedankengänge noch verwerten kann?
Als alter Hase vom Metier habe ich den Leserbrief auch als Artikel angeboten, um zu verhüten, dass auf dem langen Tisch der üppigen Posteingänge und Zeitereignisse die Aktualität der Publikation zuvorkommt, auch wenn sich noch viele Gelegenheiten für das erzwungenermassen fade Spiel des Mallorkaners bieten sollten. Doch das kommt im schönen Brief von Frau D. B. Nicht zur Sprache, kann es wohl gar nicht, erübrigt sich auch im Grunde genommen, denn für auswärtige Beiträge ist beim gebeutelten Budget der stark unter Druck der (Zürcher) Konkurrenz stehenden Zeitung ohnehin kein Geld vorhanden. Mit Ach und Krach können gerade noch mit der Schreibmaschine verfasste Leserbriefe gratis und franco veröffentlich und die Honorare der noch nicht entlassenen Redaktoren befriedigt werden.
Was tut's:
Das Schreiben von Frau D.B. Ist vielleicht nicht nur mein Pech, sondern mein Glücksstern in spe, nicht weil meine Gedanken in der Feder eines Sportredaktors doch noch zum Zuge kommen.
Nein, vielleicht darf ich einmal mehr selber und immer wieder – selten genug – für jene Zeitung an der Maihofstrasse die zu meiner Zeit drei Male den Namen gewechselt hat, weiter dann und wann mit entsprechenden Artikeln oder sogar einem Scheingedicht – blosse Prosa, im Gewand eines Gedichtes – frisch von der Leber weg, wie auf Diktat geschrieben, doch noch etwas zum vertieften Verständnis der Hintergründe zu den Schlagzeilen von morgen beitragen, in Nadals Fall des Geschehens auf dem Sport-, nicht auf dem Arbeitsplatz?
Mit grossen Lettern auf riesigen Reklamen auf Wänden, die niemand auf dem Weg um Kino übersehen konnte, hat die Neue Zürcher Zeitung sich mit diesem Slogan „Hintergründe für die Schlagzeilen von morgen“ empfohlen (und blieb dann und wann den Beweis dafür schuldig!)
Vielleicht braucht die Neue Luzerner Zeitung sich gar nicht so marktschreierisch anzupreisen, braucht nur dann und wann – selten genug – das zu veröffentlichen, was der eine und andere Aussenseiter – auch ihr alter Korrespondent – über das eine und andere Geschehen, bevor es geschieht, zu verstehen versucht.
So erhält der Aufsatz über Nadals tragisches Versagen bei einem andern seiner Fiaskos vielleicht nochmals eine Aktualität, immer dann, wenn er sich mehr ängstigt vor der Wunde in seinem Knie als vor dem Gegner auf der andern Seite des Spielfelds, überall dort, wo er früher gesund und munter mit Urwaldgeschrei seines Zigeunerblutes die Gegner langsam aber sicher immer weiter schlug, am Schluss noch unseren Roger national bezwang, bis wir ihn als Nr. 1 und noch mehr als der Meister des Entertainments zu feiern vermochten, weil er die höchste Spannung ins Sportgeschehen trug, bis hin zu Mac Enroes berühmtem Kommentar am Ende von Nadals spektakulären Sieg in Wimbledon 2008 9 : 7 im Tiebreak des 5. Sets nach mehr als fünf Stunden gegen unseren Roger. „Dies war das schönste Tennisspiel, das ich zeitlebens gesehen habe“, und er hat selbst, ein gleichsam moderner Urwaldmensch, viel Spektakel neben grossem Können weltweit dargeboten.
Victor J. Willi, Rom Disentis
Hier
geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge