Nachtwache für den einsam verstorbenen Papst Johannes Paul I.

Der sogenannte lächelnde Papst wurde am 15. August 1978 im 4. Wahlgang mit 110 von 111 Stimmen, besser als jeder andere Papst seit Menschengedenken, gegen seine Absichten gewählt und starb nach 33 Tagen zwischen 22 Uhr des 28. Septembers und 3 Uhr in der Früh des 29. Septembers. Mit seiner nicht nur gelehrten, sondern gelebten Bescheidenheit hat er ein wegweisendes Zeichen für das Papsttum des 3. Jahrtausends nach Christus gesetzt.

Das Bedauern über das kurze, unerfüllte Pontifikat Albino Lucianis, kann den Weg zur Erkenntnis aller Hintergründe seines vorzeitigen Todes nur anbahnen. Erst im Bedauern über eigenes Fehlverhalten und in der Einsicht der unumgänglichen Mitverantwortung dürfte es die eigentliche Vertiefung und wirkliche Rechtfertigung erfahren. Ein grosser Schriftsteller wie Georges Benanos oder ein Regisseur wie Luis Buñuel könnten diesen Gedanken auch im Blick auf die Nachfolge von Jesus Christus und seines Todes am Kreuz – im 33. Altersjahr – in dichterischer Verklärung dem Verständnis vieler Millionen Menschen guten Willens zuführen, so dass das grosse Zeichen, das Johannes Paul I. setzte, nicht – wie bei Yallop – moralistisch vertan würde, sondern der inneren Wandlung und Reifung dienen könnte.

Das Pontifikat Johannes Pauls I. harrt nach wie vor auch einer theologischen Auslegung und Bewältigung.

Was Albino Luciani mit seinem liebenswürdigen, leidverklärten Lächeln und seinem verstehenden Schalk wenigstens einen Augenblick lang über alle Schranken und Grenzen hinweg einen immer grösseren Kreis von Menschen angesprochen hatt, könnte zur mitreissenden Kraft mit tragender Wirkung werden und selbst lange nach seinem Heimgang der Menschheit zum Wohl gereichen. Das augenblickliche Entsetzen ob irgendeiner schrecklichen Fernseh-Nachricht reicht nicht aus. Wichtiger wäre das Verweilenkönnen in der Freude und dem Glück, das die Lichtgestalt dieses Papstes dreiunddreissig Tage lang weltweit entzündet hat. Herausragende Persönlichkeiten von der Art eines Albino Luciani, voller Verständnis, Schalk und Liebenswürdigkeit, finden sich bei allen Völkern; sie sprengen die Grenzen menschlicher Verengung und Einseitigkeiten, sie stehen jenseits der Parteien von Hass und Gunst. Selten können diese Lichtgestalten über einen kleinen Kreis hinaus leuchten. Johannes Paul I. durfte es 33 Tage lang für die ganze Menschheit tun. Noch mehr als sein Vorgänger Johannes XXIII zeigte dieser Papst die Zündkraft des Guten in einer bloss scheinbar nur schlechten Welt.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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