Minarett-Erlaubnis für Zukunftsblinde

Wer die Vergangenheit nicht kennt, 
kann von der Gegenwart und Zukunft nichts verstehen
N. Machiavelli


Was sich der libysche Diktator gedacht hat, als er zum Wohl der Menschheit die Aufteilung der Schweiz vorschlug (wobei er die Rätoromanen vergass!), wissen wir nicht. Besonders als Auslandschweizer und freilich all die wirklichen Ausländer können es aber sehr leicht ableiten. In der prominentesten, wenn auch keineswegs besten italienischen Zeitung CORRIERE DELLA SERA stand bereits vor fast 40 Jahren: . . . gli Svizzeri vivono bene dai guai d'altrui (Die Schweizer leben gut wegen der Missstände der anderen). Dieser Satz stand kurz vor der Schwarzenbachabstimmung vom 7.6.1970 in der grossen Mailänder Zeitung und galt dem Reichtum der Schweiz, der nicht zuletzt mit Hilfe der billigen Arbeitskräfte vor allem aus südlichen Ländern, hauptsächlich aus Italien zustande kam. Hätte der berühmteste James Helvetiens seine „Initiative zum Schutz der Heimat vor der Überfremdung“ gewonnen – mit rund 48 % der Stimmen ist es James Schwarzenbach beinahe gelungen -, wären allein rund 200 000 Italiener um ihren relativ gut honorierten Arbeitsplatz gekommen und hätten binnen sechs Monaten die Schweiz verlassen müssen. Hunderte von hauptsächlich süditalienischen Dörfern voller Witwen auf Zeit und Abruf – bis zum nächsten Kurzaufenthalt der Saisonniers – hätten nicht mehr den eigenen wirtschaftlichen Aufschwung erzielen können. Santa Svizzera wurde deshalb später unser Land im Benevento unweit von Neapel von den Heimkehrern genannt.

Das ist die eine Seite der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die andere betrifft das Bankgeheimnis. Zunächst hoch geehrt wegen der Möglichkeit, dass verfolgte Juden kurz vor Torschluss des 2. Weltkrieges ihr Geld in der Schweiz in Sicherheit bringen konnten. Dann aber verlor diese typisch schweizerische Einrichtung der Unterscheidung zwischen Steuerflucht und Steuerhinterziehung an Prestige und geriet mit der Finanz- und Wirtschaftskrise seit September 2008 in wachsenden Kreditverlust. Im buchstäblichen Sinn des Wortes. Jetzt erscheint nicht nur dem libyschen Machthaber, sondern auch Millionen – Milliarden? - ehrenhaften Bürgern auf fünf Kontinenten die Aufteilung der Schweiz als wenigstens keine schlechte, vielleicht sogar als allerbeste Lösung für den Aufschwung im eigenen Land mit gewichtigen Depots in den Tresoren der berühmtesten Bahnhofstrasse der Welt.


Verharmloste Weltherrschaftsansprüche

Was hat denn das mit der Initiative zum Verbot weiterer Minarette in der Schweiz zu tun? Zugleich sehr wenig und sehr viel. Der Anspruch auf die eigene Weltherrschaft ist im Koran verankert. Wohlverstanden nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Erlösung der Menschheit vom angeblich durch das Christentum verkommenen Monotheismus. Während die eine Milliarde Christen ihren Religionsgründer Jesus Christus als Gott und Teil der Dreifaltigkeit verehren, heisst es am Anfang des Korans: „Es gibt nur einen Gott und Mohammed ist sein Prophet.“ Die Vergöttlichung von Christus – hauptsächlich vom römischen Apostel Paulus vorangetrieben zur Festigung der noch keineswegs etablierten römischen Kirche mit dem Fernziel des 750 Jahre später durch Karl den Grossen angestrebten römischen Weltreiches deutscher Nation – in Italien kurzerhand Sacro Impero Romano genannt! - war einer der wichtigsten Beweggründe des Propheten par excellence, die angeblich von den Christen verfälschte monotheistische Lehre vom „nur einen Gott“ zu reformieren und zu restaurieren. Deshalb verführte er und seine Nachfolger die ihn und sie verehrenden Araber, bald auch die Türken, Perser, Berber von Westafrika bis zu Dschingis Khan, Europa im Namen des einen Gottes zu erobern, was ihnen im 8. Jahrhundert auf der iberischen Halbinsel, in Spanien und Portugal bis 1492 gelungen ist und nach dem angestrebten Sieg vor Wien 1732 dem ganzen europäischen Halbkontinent hätte zum Verhängnis werden können. Dass sich Europa nach wie vor als eigenen Kontinent und nicht als Anhängsel oder gar Wurmfortsatz des grössten Erdteils – Asien – begreift und eigentlich lediglich der Begriff Eurasien statthaft wäre, verdanken wir den sich weltweit durchsetzenden Kolonialmächten Spanien, Portugal, England und Frankreich und der im Falle Grossbritanniens verbundenen Ethik des Protestantismus und dem Geist des Kapitalismus. Das bekannteste Werk des Heidelberger Soziologen Max Weber wurde vor fast hundert Jahren geschrieben und erklärt noch immer – besser als jede andere Lektüre – den Aufstieg der USA zur einzig übrig gebliebenen Supermacht der Menschheit. Wie lange noch?


Der Irrglaube der muslimischen Anpassung

Man kann sich versucht sehen, dieses bekannteste Werk der Kultursoziologie mit einem Achselzucken als alter Hut oder Schnee von vorgestern abzutun und sich wegen des Kinderreichtums der Muslime auch in Europa neben der Kinderarmut der waschechten reichen Europäer keine Sorgen bereiten. Arnold Hottinger meint gar, die Mohammedaner in unserer Mitte würden wenigstens in der dritten Generation verwestlichen, so dass ihnen sogar das Christentum mit Jesus als Bestandteil der Dreifaltigkeit gleichgültig werden müsste. Mit dieser Hoffnung führen viele senkrechte die Menschenrechte verteidigende Europäer einen überzeugenden Kampf gegen das Minaretten-Bau-Verbot. Haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Nur die Zukunft kann diese Frage beantworten. Als überzeugter Europäer und fast sogar ein guter Christ höre ich ihre Botschaft, allein mir fehlt der Glaube.

Als Historiker einer bestimmten Ausrichtung und prominenter NZZ-Berichterstatter hält Arnold Hottinger viel von der Integrations- und allmählichen Assimilationskraft der Schweizer, überhaupt der Europäer auch gegenüber den Muslimen. Nicht zuletzt wegen des auch von ihnen verminderten Strebens nach familiärem Nachwuchs und entsprechenden vermehrten Glaubens an das Wachstum der nationalen Wirtschaft ihrer neuen Umgebung. Was sich bei den allermeisten südlichen Gastarbeitern meist bereits in der zweiten Generation durchaus bewährt hat, braucht sich gegenüber den uns geistig weit weniger verwandten Muslimen nicht zuletzt wegen ihres kaum bewussten, aber dennoch oder gerade deshalb wirksamen Weltherrschaftsanspruchs nicht zu bewähren.


Wirkliche Bescheidenheit – der einzige Rettungsanker

Lediglich jener Italiener, der auf den bösen Satz des CORRIERE über die nur auf den Gewinn bedachten Schweizer – Verteidiger des Bankgeheimnisses und anderer unserer dank Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit erzielten Einnahmequellen – antwortete: „An eurer Stelle hätten wir uns während des Krieges und nachher gleich verhalten wie ihr Schweizer, vom Übel der andern buchstäblich nach Noten profitiert, lässt mich noch an die Zukunft des Christentums in Europa und anderswo und an das Jahr 0 (Null), wenigstens 33 als Wendepunkt der Weltgeschichte glauben. Im viel zu wenig beachteten Büchlein „Kirchengeschichte als Interpretation der Weltgeschichte, Weltgeschichtliche Überlegungen (Christiana Verlag Stein am Rhein 1998, 1. Auflage 1. bis 3. Tausend) hat Hugo Staudinger überzeugend das Potential des von Christus getragenen Kreuzes und seiner Kreuzigung für die Entwicklung der Weltgeschichte zur Welterlösung dargestellt. Ein das Christentum verratendes kalvinistisches Ethos des Reichtums als Beweis der Gottgefälligkeit hat die Menschheit zur Globalisierung, aber auch zur um sich greifenden Gefahr der Weltvernichtung geführt: Acht souveräne Staaten im Besitz der Nuklearwaffen lassen die Menschheit auf einem Pulverfass sitzen. Fortgesetzte herrliche Beschlüsse der Weltmächte zur Eindämmung der Erderwärmung haben sich bisher als gute Vorsätze auf dem Weg zur Hölle, das heisst zur systematischen Weltvernichtung, erwiesen. Der Hunger in der dritten Welt kann bald auch in unserer Mitte um sich greifen. Wenn es nicht gelingen sollte, die globalen Probleme global zu lösen, das heisst die UNO aus ihrer Vormundschaft der (Super) Mächte zu befreien und mit eigenen Sanktionsbefugnissen in allen Bereichen, wo das Überleben der ganzen Menschheit auf dem Spiele steht, zu versehen, vermag auch das Christentum seine grosse Mission als Religion der sich selbst bescheidenden Liebe im Kampf gegen das sich bisher unkontrollierte und unkontrollierbare Ver..... kaum zu erfüllen. Die Vereinten Nationen dürften nicht länger zum blossen Vollzugsorgan und Spielball der Supermächte verkommen, sondern aus eigener Kraft als USM (United States of Mankind) endlich den seit der Vorgeschichte nie erreichten Weltfrieden sicherstellen können.

Victor J. Willi, Rom Disentis
Autor des Buches „Ueberfremdung – Schlagwort oder bittere Wahrheit?“
Herbert Lang Verlag Bern 1970, Ex Libris Verlag Zürich 1970

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