Michael Haydn’s besonders
schöne Klaviersonaten?
Der Auftakt zur Suche nach einem Schatz und der Mut nach einer schweren
Enttäuschung
Durch Zufall, wenn es nur ein Zufall war, hörte ich wahrscheinlich am
Radiosender DRS 2 die herrlichen Klänge einer einfachen, aber wunderschönen
Klaviersonate von Michael Haydn. Ich war wie verzaubert. Diese Sonate, wie die
ersten von seinem berühmten Bruder Franz Joseph, wurden wahrscheinlich in der
frühen Jugend komponiert. Sie kommen mir wie ein Abglanz des Himmels, dem die
Kinder näher stehen, vor. Ich erfuhr, dass es noch andere frühe Klaviersonaten
von Michael Haydn gäbe, doch sie seien bisher unveröffentlicht, lägen in
irgendeinem Archiv in Wien, verstaubt und vergessen.
Da las ich im Buch eines Bruders von Christoph Blocher, dass der erfolgreiche
Unternehmer der Emser Werke die von Michael Haydn komponierten Messen besonders
schätze. So schrieb ich dem in den Achtzigerjahren noch nicht über die
Landesgrenzen hinaus bekannten Dr. Blocher einen Brief. Ich bat ihn, der Sache
nachzugehen, möglichst dafür zu sorgen, dass diese in Archiven vermutlich
vorhandenen Klaviersonaten entdeckt und möglichst auch veröffentlicht würden.
Liegen diese Manuskripte irgendwo herum, wo sie uns Menschen des 21.
Jahrhunderts nicht beglücken können?
Dr. Christoph Blocher zeigte Verständnis für meine Fragen, doch dabei blieb es.
Als er Bundesrat war, schlug ich vor, dass seine Tochter, die an seiner Stelle
das mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus bekannte Unternehmen leitet, sich
mit meinem Anliegen befasse. Wenn sie und er schon so viel Gutes für die
Kulturförderung und Medienvielfalt tun. Ohne seine Intervention gäbe es das
Bündner Tagblatt schon seit Jahrzehnten nicht mehr, hätten die Bündner kein
eigenes Sprachrohr, würde die Südostschweiz – verbreitet in der halben Schweiz
von St. Gallen durch das Rheintal bis zum Zürichsee – die ganze Medienwelt in
diesem Teil des Landes beherrschen.
Franz Joseph Haydn rühmte die Messen seines Bruders, drei Mal – zuletzt mündlich
bei der Begegnung in Bütschwil – fand ich Verständnis für mein Anliegen, doch
dabei blieb es. Ob dieser Aufsatz eine Kehrtwendung zeitigen wird? In einem
Brief erwähnte ich, wie wunderbar es wäre, wenn beispielsweise in der
renovierten Churer Kathedrale mit ihm im Rampenlicht eine Uraufführung der zuvor
unveröffentlichten Klaviersonaten von Michael Haydn stattfinden könnte.
Auch gegenüber einem Basler Musikprofessor habe ich meinen Wunsch geäussert.
Doch meines Wissens ist in dieser Angelegenheit nichts geschehen. Franz Joseph
Haydn mag die Messen seines Bruders als unübertroffen bezeichnet haben, doch was
dessen Klaviersonaten betrifft, tappen wir im Dunkeln.
Für mich persönlich hat diese Angelegenheit eine sehr traurige und doch noch
schöne Seite. Als meine Tochter Catella in Erwartung ihres ersten Kindes war,
teilte sie diese Nachricht zuerst meinem Stiefsohn Stefan mit. So erfuhr ich
erst im Nachhinein, bald Grossvater zu werden. Der im Zeichen des Krebs geborene
fühlte sich etwas gekränkt und fragte sie, auf welchen Zeitpunkt sie das Kind
erwarte. Am 24. August oder kurz nachher könnte es geschehen. „O weh“, sagte ich
ihr in meiner Verletzung, „dann wird sie oder er ja eine Jungfrau sein, das
heisst, in diesem Tierkreiszeichen geboren werden.
Kommt nach der Schuld das Bekenntnis und die Reue stets zu spät?
Es ist ungefähr das Dümmste, was ein Vater seiner Tochter in Erwartung eines
Kindes, zudem des ersten, sagen kann. Kaum war der Hörer aufgelegt, bereute ich
die Bemerkung und stellte sofort die Verbindung mit Brüssel wieder her, um ihr
zu sagen, wie sehr mich die Musik von Michael Haydn beeindruckte, auch er im
Zeichen der Jungfrau geboren, genau am 14. September 1737, wobei die Angabe in
der Brockhaus Enzyklopädie 1969 mit einem Fragezeichen versehen ist. So kennen
wir auch bei Ludwig van Beethoven nur das Taufdatum – 17.12.1770 - ganz genau,
wenn auch viele behaupten, seine Musik entspreche haargenau den dem Schützen
zugesagten Eigenschaften.
Versuchte ich zu spät, das Schlechte wieder gutzumachen? Sass der Stachel
bereits in ihrer Seele, gar im Körper, unter ihrer Brust? Jeder, dem ich diese
Geschichte erzählte, hielt mich für verrückt. Davon war ich schliesslich selber
überzeugt bis...
Bis nach der Geburt von Clara sich bald herausstellte, dass meine Enkelin mit
einem Dauerschaden – wie es früher hiess – das Licht der Welt erblickte. Da kam
mir meine Bemerkung neun Monate zuvor in den Sinn, die durch den zweiten Anruf
gleich nachher nicht mehr aus der Welt geschafft werden konnte.
Tatsächlich war Clara eine Missgeburt. Am Abend des 14. Tages standen die Eltern
vor der Wiege ihres Kindes und sagten zur Tochter tief bewegt: „Clara, wenn du
leben willst, wird es schwer sein für dich und uns, doch nicht unser, sondern
dein Wille soll geschehen. Du musst darüber entscheiden, ob du das Schwere für
dich und uns ertragen oder lieber sterben willst. Am nächsten Tag lag Clara tot
in ihrer Wiege. Dass Catella kurz nachher den Mut aufbrachte, einem zweiten Kind
das Leben zu schenken, finde ich grossartig und habe es ihr seit 18 Jahren
mehrmals gestanden. Es ist der Beweis eines Mutes, der dem Tode trotzt und dem
Leben ungeachtet des erlittenen schweren Verlustes eine Chance schenkt.
Pierre hat die Eltern reich belohnt. Er ist ein prächtiger Junge, intelligent,
feinfühlig, humorvoll, liebenswürdig. So liebenswürdig gegenüber seinem
Grossvater, dass er jetzt deutsch lernt und hoffentlich am Gymnasium das
Reifezeugnis auch in dieser Fremdsprache bestehen wird. Dabei kann er die
deutsche leicht mit der flämischen und englischen Sprache verwechseln.
Hoffentlich wird diese Viersprachigkeit ihm im Examen Ende Juni nicht zum
Verhängnis Mögen diese Zeilen ihm helfen, wenigstens im Fach „deutsche Sprache“
eine mindestens ausreichende Note zu ergattern. Etwas Glück braucht er, denn er
verfügt nicht über das Sprachtalent seiner Mutter, vor allem der Grossmutter
belgisch-spanischer Herkunft.
Gleichsam nebenbei ist Pierre so schön, dass Ivana, die Zeitungsverkäuferin von
Riano, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte und ich ihn als meinen Nipote
vorstellte, wie aus dem Rohr geschossen meinte: „Impossibile, è troppo bello!“
Ich liebe den offenen Humor der Italiener, jenen der Römer und Römerinnen ganz
besonders.
Steht uns bald ein besonderes Glück bevor?
Zwölf Jahre musste er werden, um zu erfahre, dass er eine Schwester hatte, die
17 Monate vor ihm geboren wurde, dann aber jämmerlich gestorben ist, sterben
durfte, sterben musste? Wir werden es nie erfahren. Jedenfalls wollte Pierre von
Catella wissen, ob er – Pierre – überhaupt leben würde, wäre es Clara nicht
versagt geblieben. Freilich bejahte es die Mutter und küsste den Sohn bei dieser
Gelegenheit besonders innig, so innig, dass Pierre ihr bisher fast nur Freude
und wenig Kummer bereitet hat.
Doch die Frage, ob Michael Haydn über die eine wunderschöne, die ich gehört
habe, noch mehrere solche Klaviersonaten komponierte, bleibt weiterhin
unbeantwortet. Wie lange noch? Für immer oder für die vielleicht kurz bemessene
Zeit eines Gönners und Bewunderers der beiden Haydn-Brüder, wobei er für den
jüngeren, im Schatten von Franz Joseph Stehenden eine Bresche schlägt und auf
der Suche nach einem verlorenen Schatz Erstaunliches entdecken mag, das die
Liebhaber der klassischen Musik hoffentlich bald im besonderen Masse erfreuen
und beglücken wird.
Victor J. Willi, Rom Disentis
Hier
geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge