Schöne erlebte Geschichten aus 5 Kontinenten

Wenn der Wind den Sand der Dünen abträgt geht der Sand nicht verloren.
Neue Dünen entstehen, neue Dünen vergehen.
Ich vertraue dem Wind.
Pierre Farine (Berner Schriftsteller)



Leere Lehrerzimmer, offene Kinderherzen im Berner Oberland

Von Rom her setzte ich mich mit der Schulleiterin des Berner Oberlandes in Verbindung. Sie fand die Idee, ihren Schutzbefohlenen schöne selbst erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten zu erzählen, ausgezeichnet. In einer Zeit, da wir alle, alt und jung, von schlechten Nachrichten heimgesucht werden, sie zu Hause am Bildschirm nicht vorenthalten können, sei eine derartige Abwechslung besonders wichtig, ja wegweisend. Es ist traurig, wenn Kinder denken müssten, das Gute, Gerechte, Liebenswürdige, Lobenswerte, Geheimnisvolle und Trostreiche würden sich lediglich in Märchenbüchern finden.

Ich sah mich schon aus weiter Ferne im Berner Oberland den jungen Menschen Lichtblicke auf das doch noch schöne, ja wundervolle Leben, wenn man es nur sehen und entdecken will, bieten, als die liebenswürdige Bernerin mir zu ihrem Leidwesen mitteilen musste, ausgerechnet an jenen zwei in Frage kommenden Tage meines Aufenthaltes in Schönried, eingeladen vom renommierten Hotel Ermitage, anderswo engagiert zu sein. Kein Wunder bei einer für viele Schulen verantwortliche Vorgesetzte. Sie würde aber das Lehrpersonal der betreffenden Primarschule über meinen Besuch in Kenntnis setzen. Es könnte dann entscheiden, ob die Lehrerinnen und Lehrer ein paar Klassen oder die ganze Schule sogar die Aula für den Anlass zur Verfügung stellen wollten.
Nur recht und billig in einer Demokratie; doch da gibt's ein Hindernis, nämlich den Satz, mit dem ich besonders seit der Jahrtausendwende, da ich mich als Verdinggreis durchzuschlagen habe, leben und überleben muss.

WO EIN WILLI IST EIN WEG

Alle meine Auftritte seit dreissig Jahren neben Service Clubs à la Rotary über Kirchgemeinden und Seniorenheimen auch in Schulen von den Kindergärten bis zu den Universitäten in der ganzen deutschen Schweiz, gelegentlich auch in Österreich und der Bundesrepublik habe ich nicht gezählt. Es müssen weit über tausend gewesen sein. So ist auch mein Rhetorikbuch „Sicher und erfolgreich reden“, eine Auflage im Müllerverlag Rüschlikon (1986) und fünf Auflagen im Weltbild Verlag (bis 1992) entstanden. Fast überall wurde ich herzlich empfangen. In den Schulen harrten in der Zehnuhrpause volle Lehrerzimmer der Dinge, die da kommen mochten (besonders für Sekundar- und Mittelschüler) oder eine Englisch-, Französisch- oder Italienischstunde oder „Wie wird man Auslandkorrespondent und was macht er“ oder andere Themen hat sozusagen überall eingeschlagen. Da und dort sassen bis zu hundert Kinder auf dem Boden und hörten dem auf dem Stuhl sitzenden „Indianerchef“ aus Italien zu, wie er ohne Bilder einfach erzählte, was er erlebte, nicht ohne Zwischenfragen, um die Spannung zu erhalten.


Schönried tanzt aus der Reihe

Nichts von alldem geschah in der Nähe von Gstaad im Berner Oberland. Beim ersten Besuch im Lehrerzimmer befanden sich zwar - wohl aus Versehen – zwei Lehrerinnen, die sich daran erinnerten, dass da einer kommen wird. Sie waren aber dermassen mit sich und den Vorbereitungen für die Weihnachtsfeier binnen dreier Wochen beschäftigt, dass ihnen mein Angebot zwar zu Ohren gekommen ist, es ihnen aber von Woche zu Woche eher lästig als lustig, jedenfalls unangebracht vorkam. Ob ich am folgenden Tag, wenn ich nochmals zur Verfügung stand, mehr Glück habe, liessen die Damen offen, versprachen jedenfalls, den Schwarzen Peter weiter zu geben.


Wer nicht hören will, muss spüren

Am nächsten Tag verzichteten die Lehrer auf ihren Tee, Kaffee, all die Leckerbissen nebst dem gewohnten Zusammensein während zwanzig Minuten. Ich befand mich mutterseelenallein im sonst vollen Lehrerzimmer und schlich wie ein geschlagener Hund auf den Pausenplatz. Um meiner eigenen Devise Nachachtung zu verschaffen, fragte ich drei Schüler, ob ich ihnen „äs Gschichtli verzelle“ dürfe. „Ja ja, noch so gern“, antworteten sie begeistert und begeisternd. Und schon begann ich die Geschichte von Temok, meinem Hund, zu erzählen. Dem Beagle, der mir in der schlecht geheizten Römer Wohnung auf der Decke über meinem Bett mit seinem Leichtgewicht die Füsse erwärmte, die beste Bettflasche, die man sich wünschen kann. Als ich mit hohem Fieber im Bett lag, hat er mir vielleicht das Leben gerettet. Mit einer Liebkosung, die ich als einmalig empfand: Temok stülpte seine Schnauze über meine rechte Hand, ganz sanft, so sanft, dass ich es kaum spürte, nur verstand, was er mir mit seiner Sprache sagen wollte: „Nicht sterben, nicht sterben, bleib bei mir, bleib bei mir!“ Ob so viel Zuneigung, ja Liebe und Verbundensein war ich überaus gerührt. Sie gaben mir die Kraft, auch mit Hilfe einiger Medikamente so schnell zu gesunden, dass ich eine neue Wohnung suchen konnte. In der alten war ich geduldet nur für ein paar Tage. Meine Frau war bereits in der Schweiz.

Wer weiss, Temok hat mir vielleicht tatsächlich das Leben gerettet. Ich konnte jedenfalls das seinige nicht retten. Viele Jahre später, als wir schon lange in Riano ausserhalb von Rom mitten in der wunderschönen Campagna Romana lebten, hat er mich im Traume um Hilfe gerufen. Ich sah ihn im Schlaf auf der belebten Via Flaminia, weit weg von unserem Zuhause, wurde er offenbar von einem Auto oder Motorrad angefahren, verletzt, nicht gleich getötet, konnte sich noch mit den letzten Kräften im Graben auf der Seite der Strasse in Sicherheit bringen und bat das Lebewesen, das ihm am nächsten stand, mit dem er seit Jahren ganze Tage und Nächte verbrachte, um Beistand. Ich konnte es nicht beizeiten tun. Erst beim Erwachen, vielleicht nach Stunden, ist mir der Traum in den Sinn gekommen. Sofort bin ich aufgestanden und genau dorthin gefahren, viele Kilometer weit, wo Temok mittlerweile tot und kalt, erstarrt im Graben lag. Ich war traurig wie selten zuvor. Ich lud ihn in den Kofferraum und fuhr nach Hause. Wir beerdigten ihn im grossen Garten. Das geschah vor mehr als zwanzig Jahren. Längst ist viel Gras und ein ganzer Busch über dem Grab gewachsen. Als ich letzten November vor der Abreise in die Schweiz noch etwas im Garten rund um die Büsche aufgeräumt habe, bin ich aus Versehen mit dem Pickel auf etwas Hartes gestossen. Erst nach einiger Besinnung wurde mir klar: es waren die Knochen, die letzten Überreste meines lieben Temok, der mir – wie bereits vermerkt – vielleicht das Leben gerettet hatte, während ich das seinige nicht zu retten vermochte. Seither hatten wir mehrere Hunde in unserer Obhut, doch von keinem konnte ich sagen: Er ist mein Hund. Keiner konnte mir je so vertraut sein, dass er mich während der Nacht in der Not hätte rufen können. Gedankenübertragung – Telepathie von einem Tier zu einem Menschen? Wer diese Möglichkeit bestreitet, dem muss ich meine Geschichte von Temok, dem Sohn von Komet erzählen. Übrigens: Temok trug den Namen seines Vaters – einfach die Buchstaben gleichsam im Rückwärtsgang.

Was dazwischen geschah, als Temok meine zuverlässige stets warme Bettflasche war und wie durch ein Wunder vom Belsito-Park heil zur Via Anneo Lucano zurückgekehrt ist und mit uns fern von der Hauptstadt in Riano gewohnt und mit seinem Gebell die Kühe des Nachbarn vertrieben und sich andere Spässe geleistet hat, kommt in einer andern Geschichte zur Sprache...


Die Pausenaufsicht hat die Welt nicht mehr verstanden

Wie von einem geheimnisvollen Dirigenten gelenkt: Kaum hatte ich die Geschichte von Temok beendet, da rief die Sirene die Schüler ins Klassenzimmer zurück. Im Blick auf das Schulhaus sah ich die Pausenaufsicht, eine Lehrerin und ein Lehrer- mutterseelenallein nebeneinander stehen und mich wie einen Oelgötzen anglotzen. Zwanzig Minuten lang brauchten sie auf keine Kinder aufzupassen. Alle Schüler hatten sich um mich versammelt, un die Geschichte von Temok, dem Sohn von Komet, zu vernehmen. Etwas derb, doch typisch schweizerisch ausgedrückt, schauten sie „ziemlich dumm aus ihrer Wäsche“. Eine Stunde zuvor wollen sie mich nicht den Schülern meine Geschichten aus fünf Kontinenten erzählen lassen. Nun mussten sie zusehen, wie sich dieser unwillkommene Gast sogar während der Pause Gehör verschaffte, ohne dass er dem Lehrpersonal eine Minute zur Vorbereitung der Weihnachtsfeier gestohlen hatte.

Am Abend fragte mich im Hotel Ermitage eine Frau – sie war gerade mit dem Schneiden der verschiedenartigen köstlichen Käsesorten für die Gäste beschäftigt – ob ich jener alte Mann sei, der die Schüler während der grossen Pause mit der Geschichte seines Hundes bestens unterhalten habe. Begeistert sei ihre Tochter nach Hause gekommen und habe am Mittagstisch von Temok, dem Sohn von Komet, erzählt. So bin ich offensichtlich nicht völlig umsonst durch den hohen Schnee zum Primarschulhaus von Schönried gegangen, um etwas zu erzählen, das für die Lehrerschaft nicht ausreichte, um den geordneten Gang der Dinge zu stören. Womit all die Lehrerinnen und Lehrer nicht gerechnet haben: ihr abweisendes Verhalten im leeren Lehrerzimmer hat mir eine der schönsten Geschichten meiner damaligen 81 Jahre beschert. Ich habe zwar in Schönried kein handfestes Honorar bezogen, dafür aber anfangs Dezember 2008 den grösstmöglichen Ansporn für das Weiterleben und Weiterreden trotz aller Altersbeschwerden erhalten. Wofür ich dem leeren Lehrerzimmer herzlich danken möchte und mich nachträglich für ihre damals verpassten Leckerbissen und Getränke entschuldigt sehen möchte.

Besuch im Oberstufenschulhaus von Flawil

Victor J. Willi, Rom Disentis

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