Der von uns und wir von ihm
überforderte Johannes Paul I.
Gründe und Hintergründe der wegweisenden Bedeutung des vorletzten Papstes,
ungeachtet seiner kurzen nur 33tägigen Amtszeit – Vom 28. auf den 29. September
1978: fünf offene Stunden des einsamen Sterbens - Wie in einer Nachtwache die
bleibenden 'Elemente' seines Pontifikates und seiner Ausstrahlung in Erinnerung
gerufen werden können.
Der blosse Gedanke, dass Johannes Paul I. mit einer derart kurzen Amtszeit –
blossen 33 Tagen – eine wegweisende Papstgestalt für das dritte Jahrtausend nach
Christus sein könnte, mag vermessen, abwegig, vielleicht sogar absurd
erscheinen. Was konnte dieser Papst überhaupt tun, um nicht – wie es weitherum
geschehen ist – völlig der Vergessenheit anheimzufallen? So sehr, dass bei einer
Fernsehsendung der RAI über den Wallfahrtsort Fatima, ausgestrahlt in vielen
Ländern, drei seiner Vorgänger und zwei seiner Nachfolger ausgiebig Erwähnung
fanden, von Johannes Paul I. hingegen im üblichen Huschhusch-Verfahren gewisser
Dokumentarfilme lediglich ein Bild gezeigt wurde. Dabei war gerade sein Besuch
in der portugiesischen Pilgerstadt für Albino Luciani als Kardinal und im Blick
auf sein künftiges Papstsein von ausserordentlicher Wichtigkeit, denn es war
nach Eoardo Luciani, dem vor kurzem verstorbenen Bruder des Papstes,
ausgerechnet die Seherin Lucia, die den Patriarchen – auf Besuch in Fatima –
gleich als „Heiligen Vater“ begrüsste. „Ich bin doch nur der Patriarch von
Venedig“, erwiderte Albino Luciani ganz entsetzt und bleich im Gesicht.
„Heiliger Vater werden Sie sein“, prophezeite Lucia zwei Jahre bevor dieser
bescheidene Purpurträger bereits im dritten Wahlgang – nach Indiskretionen mit
99, 100 oder 101 von 111 Stimmen – die erforderliche Zweidrittelmehrheit weit
überschritten, nach einer Absage die Wahl jedoch erst im vierten Urnengang mit
110 von 111 Stimmen angenommen hatte. Die einzige Gegenstimme – seine eigene –
schenkte er dem brasilianischen Kardinal Aloisio Lorscheider.
Noch heute tief beeindruckte Zeitzeugen
Wer ihn erlebte, spricht heute noch - tief bewegt - vom lächelnden Papst der 33
Tage. Die neben mir in Riano wohnende Bäuerin – auf ihn nach zwanzig Jahren
angesprochen – hatte gleich Tränen in den Augen. Johannes Paul I., der letzte
italienische Papst, strahlte etwas Einzigartiges, schwer zu Beschreibendes aus.
Es waren vor allem seine überzeugende Bescheidenheit, der tiefgründige Humor und
die überwältigende Güte, die vom Augenblick seiner Wahl bis zu seinem
plötzlichen Tod einen ungeheuren Eindruck hinterliessen.
Er sei vor Scham gleich errötet, als Paul VI. neun Jahre zuvor auf Besuch in
Venedig ihm die päpstliche Stola um die Schultern legte. Er habe seine Kollegen
(gemeint die Kardinäle) wegen dieser Wahl schelten müssen, doch einer habe ihm
erklärt: „Wem der Herr ein Kreuz gibt, dem gibt er auch die Kraft, es zu
tragen“, und ein anderer tröstete ihn mit dem Hinweis, dass so viele Menschen
auf der ganzen Erde für ihn beteten... Er verfüge leider weder über die
sapienzia cordis (Herzensweisheit) Johannes XXIII. noch über die Kultur und gute
Vorbereitung auf das Amt Pauls VI., könne nur versuchen, in den Fussstapfen
seiner beiden grossen Vorgänger das Beste für die Kirche und die Welt zu tun,
erklärte der neue Papst und bat die Gläubigen um ihren Beistand im Gebet.
Johannes Paul I. fühlte sich überwältigt, ja überfordert von der grossen,
keineswegs gesuchten, vielmehr möglichst gemiedenen Aufgabe. So wie er alles
daran gesetzt hatte, nicht Patriarch von Venedig, nicht Bischof von Vittorio
Veneto, ja zunächst nicht einmal Seelsorger zu werden: „Zu jung, zu wenig
vorbereitet...“ heisst es in der Tagebuchnotiz vom 8. Juli 1935.
Wegweisende Richtlinien in bloss 33 Tagen
„Gott ist Vater, mehr noch ist er Mutter.“ Dies ist eine der vielen Aufsehen
erregenden Äusserungen Johannes Pauls I. während einer seiner vier Audienzen.
Sie fanden ein Echo, wie es nicht einmal bei Johannes XXIII. und Johannes Paul
II. zu verzeichnen war. Die Ausstrahlung des bald als „der lächelnde Papst“
bezeichneten Johannes Paul I. hinterliess auf der ganzen Welt Spuren, die noch
längst nicht verwischt sind. Was Kardinal Josef Ratzinger vor zehn Jahren
geschrieben hatte , besitzt heute besondere Gültigkeit und sollte angesichts der
allmählich aussterbenden tief beeindruckten Zeitzeugen nicht der Vergessenheit
anheimfallen:
„Das erste Mal bin ich Kardinal Luciani im August 1977 begegnet... Die vornehme
Geste, sich von Weissenstein nach Brixen zu bemühen, wo ich den Sommerurlaub
verbrachte, hat mich sehr beeindruckt, noch mehr seine spontane Herzlichkeit,
die grosse menschliche Güte, der aufgeschlossene Geist. Ich sehe ihn noch heute
vor mir, als Priester gekleidet, mit abgetragenen Schuhen. Wie er mir sein Herz
weit öffnete... In Konklave – ein Jahr später – dachte ich auf einmal, dass ein
Mensch mit solchen Gaben nicht anders als ein guter Papst sein könnte und war
erfreut, dass viele so wie ich dachten... Als in Quito ein Karmelitaner die
Nachricht vom Tod Johannes Pauls I. überbrachte, meinte ich zu träumen... Wie
konnte ein derart guter Mensch so schnell dem Heiligen Stuhl entzogen werden?
Dann kam mir der Satz in den Sinn, der auf Marcellus II. gemünzt war. Auch jener
Papst ist plötzlich gestorben, 'gezeigt', nicht 'gegeben'. Seither wird es immer
offensichtlicher, dass auch das Zeigen seine Bedeutung hat. Papst Luciani bleibt
in der Erinnerung aller als der gute Seelsorger. Er hat sein Leiden in ein
Lächeln der Güte verwandelt, und diese Botschaft ist besonders heute von grosser
heilsamer Bedeutung“. ('30 GIORNI', Juli/August 1998, S. 29)
Noch aktuellere Nachtwache als vor zehn Jahren
Das von Johannes Paul I. gesetzte nachwirkende Zeichen der überwältigenden
Bescheidenheit – „Tugend der Tugenden“, worauf er in den neun umfangreichen
Bänden seiner OPERA OMNIA mehrmals hingewiesen hat – lässt die Durchführung der
bereits 1998 vorgeschlagenen und weltweit an verschiedenen Orten beachtete
Nachtwache während der fünf Stunden, da niemand weiss, wann Albino Luciani
gestorben ist, als angezeigt erscheinen. Mutterseelenallein hat er zwischen 22
Uhr des 28. Septembers und drei Uhr in der Früh des folgenden Tages im Jahre
1978 das Zeitliche gesegnet. In der derben Sprache gewisser Journalisten hielt
die Römer Zeitung IL PAESE
SERA fest: „Wie ein Hund musste Johannes Paul I. verenden, während sozusagen
alle andern Päpste, umgeben von Würdenträgern und Familienangehörigen sterben
durften“.
Gedenkfeiern und Kongresse in Canale d'Agordo, Vicenza, Venedig und Rom
In vielen Belangen tragen das Leben und Sterben Albino Lucianis ausserordentlich
wegweisende Züge. Ausgiebig wie noch nie kamen sie im Jahr 2008 während der
Gedenkfeiern zunächst in Canale d'Agordo, dem Geburtsort Johannes Pauls I. am
Fuss der Dolomiten, bereits am 26. August, dem Tag seiner Wahl, zur Sprache.
Angelo Scola, der Patriarch von Venedig und Nachfolger Albino Lucianis
zelebrierte mit allen Bischöfen des Triveneto eine heilige Messe. 33 Tage später
war es der ehemalige Sekretär Johannes Pauls I. und Pauls VI., der irische
Bischof von Cloyne, der am ersten Sterbetag des vorletzten Papstes zum Gedenken
seines ungewöhnlichen Todes ebenfalls in Canale d'Agordo den Gottesdienst
leitete.
Bereits zwischen dem 24. und 26. September fand unter dem Patronat des
italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano zuerst in Canale d'Agordo,
einen Tag später in Vicenza und schliesslich, am 26. September in Venedig ein
sogenannter convegno itinerante (wörtlich Reisekongress) statt. Experten aus
verschiedenen Ländern beleuchteten die zahlreichen Aspekte dieses
ausserordentlich kurzen, aber weit ins dritte Jahrtausend nach Christus
leuchtenden Pontifikates.
Nicht nur er war überfordert, wir waren es auch
Dass mit seiner Wahl der Letzte zum Ersten wurde, hat sich längst
herumgesprochen, entsprach es doch auch dem eigenen Empfinden dieses die
Bescheidenheit nicht nur lehrenden sondern auch lebenden Mannes aus den
Dolomiten. Was es erst noch zu entdecken gilt und 32 Jahre nach seinem
plötzlichen Tod mehr und mehr zur Sprache kommen wird, ist die überraschende
Erkenntnis, dass nicht nur Johannes Paul I. durch uns, sondern auch wir durch
ihn, diesen einzigartigen franziskanischen Papst, überfordert waren. Viele
Prälate in seinem Umfeld haben dies erst spät, zu spät erkannt und verhalfen
dieser Einsicht nun zur Nachachtung: „Seit dreissig Jahren eine unauslöschliche
Lektion“ lautete die Überschrift in der Zeitschrift HUMILITAS des Centro
Spirituale Papa Luciani in S. Giustina (Bellunese) an vorderster Stelle. Diese
hervorragende Zeitschrift erscheint sechs Male im Jahr und enthält immer auch
Auszüge aus der umfangreichen OPERA OMNIA des vorletzten Papstes, der ein
ausserordentlich begabter Schriftsteller war. In der Audienz für uns
Journalisten sagte er: „Hätte mich nicht der Herr gerufen, wäre ich gerne
Journalist geworden!“
Alles andere als ein Betriebsunfall des Heiligen Geistes
Was sein Nachfolger auch dem Namen nach Johannes Paul II. während der
Sediavakanz zu seiner eigenen Wahl ahnte „die Bedeutung Johannes Pauls I. steht
im umgekehrten Verhältnis zur Kürze seines Pontifikates,“ scheint sich mit dem
fortschreitenden dritten Jahrtausend nach Christus mehr und mehr zu
bewahrheiten. Zur Verwunderung aller, darunter nicht weniger Monsignori im
Vatikan, die seine Wahl mehr oder minder offen als Betriebsunfall des Heiligen
Geistes betrachteten, sich seither aber - soweit ich feststellen konnte, -
ausnahmslos auf etwas Anderes, Höheres, einmalig Wegweisendes besonnen haben.
Wie vor dreissig Jahren müssen wir uns immer und immer wieder fragen: Sind wir
fähig
und bereit, einen heiligen Heiligen Vater anzuerkennen? War Johannes Paul I.
nicht nur der von uns, sondern auch wir durch ihn überforderte Papst, wirklicher
servus servorium wie kaum ein anderer?
Victor
J. Willi, Rom Disentis
Victor J.Willi
Autor des Buches „Im Namen des Teufels“
Antwort auf Yallops Bestseller 'Im Namen Gottes?'
„Möglichkeiten und Grenzen eines heiligen 'Heiligen Vaters'“,
Christiana Verlag Stein am Rhein, 5. Auflage 2000, 220 Seiten
„Grundlagen einer empirischen Soziologie der Werte und Wertsysteme“,
Orell Füssli Verlag Zürich, 572 Seiten, 1966
„Indien heute in wertsoziologischer Sicht“, Orell Füssli Verlag, 1964
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