Jetzt musst du nur noch sterben

Leggere Dante mi piace infinitamente
spero che anche per gli altri sia un piacere...
... mi dedico all' Inferno, un po' al Paradiso
il Purgatorio proprio non mi piace
Arnoldo Foà


Dante vorlesen gefällt mir unendlich. Ich hoffe, dass es auch andere erfreut...
... Ich rezitiere aus der Hölle, ein wenig auch aus dem Paradies - mit dem Fegefeuer kann ich wirklich nicht viel anfangen


Jetzt musst du nur noch sterben
Grausam-gerechtes, schwieriges und gelegentlich trotz allem oder gerade deshalb heiteres Altern

Da habe ich – wie viele andere – versucht
möglichst lange jung und gesund zu bleiben,
wenigstens jung auszusehen,
wenn die Jahre auch unerbittlich, 
doch gerecht für alle fortschreiten,
unaufhaltsam trotz aller Pflege, trotz aller Vorsicht,
trotz aller Schönheitschirurgie für jene, die das brauchen.

Ohne Möglichkeit des Stillstands,
aller Täuschung zum Trotz,
völlig gerecht, doch schwer, es sich einzugestehen
werden alle älter und schliesslich alt.

Gross die Versuchung, sich daraus nichts zu machen,
im Gegenteil, darin eine wertvolle Prüfung zu sehen,
wie man alles, auch das Altern, meistern kann 
durch gute Lektüre, eigenes Schreiben,
Turnen bereits am Morgen oder spätestens gegen Abend,
sich mit Seinesgleichen aufzumuntern,
abzulenken durch die Musik,
möglichst eigenes Musizieren,
wenigstens Singen oder Hören.
Zuhören, was andere Jüngere oder Ältere sagen,
besser wissen, weil lange darüber nachgedacht
oder Experten sind, gar Sachverständige über das Alter und das Altern,
als viel Jüngere gar nicht wissen können, wovon sie reden,
jedenfalls vom nur Reden darüber keine Ahnung haben,
was es bedeutet, alt zu sein und immer weiter älter zu werden.
Und es dann und wann eigentlich gar nicht mehr wollen.
Lieber sterben möchten als vegetieren zu müssen,
wie immer mehr Menschen über 80, häufig schon früher,
vielleicht bereits mit 65 es sich wünschen,
weil sie plötzlich nicht mehr gefragt, nicht mehr beruflich tätig sind,
sich überflüssig vorkommen und überflüssig sind, es wenigstens meinen.

Wie fand es meine Mutter, 90 geworden, verlogen,
als ihr die AHV-Verwaltung zum hohen Geburtstag gratulierte:
„Die möchten doch, dass ich längst gestorben und begraben bin,
damit die Jüngeren, gar die Jungen von der Altersversicherung
noch etwas haben und bekommen werden.“
Ich lachte, als sie mir dies sagte,
erkannte in ihrer Bemerkung den kritischen Geist,
freilich auch den Humor, der sie auszeichnete,
auch wenn er eine lachende Träne bedeuten musste.

So fand sie es komisch und völlig fehl am Platz,
als mein Vater sein Begräbnis
bis ins kleinste Detail vorbereitete:
dem Pfarrer die Predigt diktierte,
wenigstens was sein Curriculum betraf
und ein paar Lehren für die versammelte Trauergemeinde,
wie viel die Blumen kosten durften,
welche Lieder der bestellte Männerchor in der Kirche singen sollte
und vieles mehr diktierte er dem Bürofräulein,
weil er selber kaum noch sah
und auch nie tippen gelernt hatte,
warum auch, war er doch Rechtsanwalt, Offizier, Dirigent eines kleinen Chors.
Das Schreiben auf der Schreibmaschine brauchte er wirklich nicht zu können.
Dafür lernte er die Stenographie
und schickte seine Plädoyers, wenigstens einen Auszug davon,
dem Bezirksgericht Zürich in der Kurzschrift,

Das waren noch Zeiten!
Kaum zu glauben, doch wirklich geschehen
in den 30er, 40er und vielleicht sogar 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Meine Mutter, Molla genannt wegen ihrer Weichheit,
konnte – wenn es sein musste – sehr scharfzüngig sein,
wenn sie die Lächerlichkeit einer Angelegenheit erkannte:
Als sie hörte, wie ergriffen der Mann,
mit dem sie Monate zuvor im Kreis der grossen Familie mit Anhang
die Goldene Hochzeit gefeiert hatte,
die Vorbereitung zu seinem Begräbnis vorlas
und sehr ergriffen war, weil es ihn schliesslich selbst betraf - 
am liebsten hätte er sein Begräbnis nicht im Sarg,
sondern über der Erde mit uns erlebt,
doch das konnte nicht sein, das sah er ein,
während die Mutter die ganze peinlichst genaue Disposition für sein Begräbnis 
wenig besser als furchtbar lächerlich fand
und in Anwesenheit meines Bruders Robert,
der Kronprinz der Familie,
der bei diesem Anlass zugegen sein musste -
mein Vater hielt viel auf Tradition -
am Ende, als der Vater sehr ergriffen nicht mehr länger sprach,
doch sicherlich alles andere erwartete, als was die Mutter zum Besten gab,
zum Besten für den Sohn und für uns, die wir das früher oder später erfuhren,
sicherlich nicht für den bald sterbenden Ehemann...
als sie trocken mit nur sechs Worten ihn im Innersten traf,
zugleich aber mit Humor dem Schrecklichen des Todes
wenigstens einen Augenblick lang seine Urgewalt nahm,
ihn auf Zeit und Abruf überspielte
und in ihrem schrillen St. Galler-Dialekt sagte:
„Jetzt musst du nur noch sterben.“

Frage: 
Ist das Fegefeuer das, worin wir alle hier auf Erden stecken
und das Paradies das, was wir mit Humor überspielen können
und die Hölle das Gegenteilig-Schreckliche, das sich durch nichts
überspielen lässt, aber uns wie Arnoldo Foà noch mehr interessiert
und vielleicht sogar fasziniert als das Paradies und der steinige 
Weg dazu?

Victor J. Willi, Rom Disentis

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