Jenseits der Kluft von Religions- und Ethikunterricht
Geschenke über die Grenzen hinweg sind bessere Friedensstifter als grosse Worte und lange Verhandlungen

Gegen Ende November 1952 hatte ich es im sogenannten Wilden Westen erfahren, doch lange nicht die Lehre daraus gezogen. Ein Pianist, dessen Name ich vergessen habe, ich weiss nur noch, dass er Physik studierte, sagte mir plötzlich: „Victor, zum ersten Mal in deinem Leben wirst du Weihnachten weit weg von deiner Heimat, deinen Eltern, Geschwistern und Freunden verbringen. Sie vermissen dich an diesem Tag besonders, und du fühlst dich mitten unter uns im fernen Amerika sehr allein und verlassen. Wäre es da nicht eine gute Idee, mit Musik eine Brücke über das grosse Wasser des Atlantik zu schlagen? Du mit der Geige und ich am Klavier, wir könnten gemeinsam eine Mozartsonate spielen, sie auf einer Schallplatte verewigen und diese deinen Eltern auf die Festtage hin zukommen lassen. Dann sähen sie auch, dass wir in Texas nicht so wild sind, wie sie vielleicht glauben.“

Freilich fand ich seinen Vorschlag ausgezeichnet. Doch wer kann das bezahlen, wer hat so viel Geld? Vor fünf Jahrzehnten kostete die „Registration“ eines Musikstücks in einem Tonstudio eine gewichtige Summe – wohlverstanden in Dollars, geschweige denn im damals mehr als vier Male billigeren Schweizerfranken. „No problem“. Der Freund kam für alles auf, bezahlte, was die Möglichkeiten eines exchange students (Austauschstudenten) bei weitem übertraf. Er spedierte die gut verpackte Schallplatte auf seine Kosten von Austin, der Kapitale von Texas, nach Zürich in die Schweiz.

Wo der eine die Grenzen überspringt, und der andere am Ort stehen bleibt

Über Jahrzehnte vergass ich die besondere Leistung des texanischen Studenten. Er versetzte sich nicht nur in meine Lage: das Heimweh eines jungen Europäers, zum ersten Mal in seinem Leben fast auf der andern Seite der nördlichen Erdhalbkugel am heiligen Abend mutterseelenallein. Für ihn war Weihnachten ein gewöhnlicher Tag, kein Feiertag. Was er tat, betraf ihn eigentlich nur am Rande, wortwörtlich nebensächlich, denn er war bekennender Jude, dem zum Beispiel das Laubhüttenfest seiner Religionsgemeinschaft der wichtigste Tag des Jahres hätte sein können. Doch welcher Christ unter all den tugendhaften Katholiken und Protestanten dachte am 3. oder 4. November an das Laubhütten- und Erntedankfest der Juden? Wäre es da nicht das wenigste gewesen, ich hätte im folgenden Jahr dem höchst aufmerksamen liebenswürdigen Texaner zum Dank für sein wirklich wunderbares Geschenk mindestens einen Brief geschrieben?

Im Dreieck zwischen Austin, Berlin und Hagendorn

Die Menschheit bewegt sich langsam, vielleicht aber in der richtigen Richtung. Dies liess mich der Besuch in einem Weiler ausserhalb von Cham, zugänglich nur als Sackgasse bzw. -strasse, also gleichsam am Ende der Welt, hoffen. In Hagendorn fiel mir in der Primarschule ein Zettel in die Hand mit der Überschrift „Interkonfessioneller Kalender 2009“. Vermerkt waren ausdrücklich nicht nur die christlichen, sondern auch die islamischen, jüdischen, buddhistischen und hinduistischen Festtage. Auch das St. Georgsfest der Roma (Zigeuner) am 6. Mai war aufgeführt. Wer weiss: auf dem beschwerlichen Weg zum Weltfrieden kämen wir vielleicht schneller zum Ziel der Überwindung der schrecklichen Kriege und Krisen, wenn wir alle ungeachtet unseres Glaubens oder auch Unglaubens zu den Festtagen der Andersartigen – Fremden, Ausländern, Andersgläubigen - mit einem Geschenk, wenigstens einem Gruss, unser Menschsein, unsere All-Verbundenheit über alle Grenzen hinweg unter Beweis stellen könnten. Hoffnungsvoll stimmt immerhin der Gedanke, dass ich abseits vom Getriebe der allseits vernetzten Welt auf den Interkonfessionellen Kalender gestossen bin. Als Herausgeber zeichnet der Beauftrage des Senats von Berlin für Integration und Migration (Tel. 004930 90 17 23 20). Die Idee kam der Autorin Gertrud Wagemann (Tel. 0049 30 774 85 57) beim Anblick der Festlichkeiten von Einwanderern nach Berlin an deren grossen Tag.

Victor J. Willi, Rom Disentis

Hier geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge