Weihnachten 1953 in New York
Die Italo-Amerikaner wollten mich gar nicht verstehen
Einseitige Assimilation und Integration in den USA seit eh und je
Wie man sich täuschen kann! Einige Tage vor den Weihnachtsferien wollte ich
meinen Studenten an der Fordham University in New York eine besondere Freude
bereiten. Sie waren zur Hälfte italienischer, die übrigen irischer, deutscher
und spanischer Herkunft. Ich wusste, dass die meisten von ihnen, Söhne von
Einwanderern, zu Hause ihre Muttersprache redeten, wenigstens verstanden und
sagte einige Tage vor dem Trimesterschluss: „Vi auguro buon Natale e un buon
anno nuovo“ (ich wünsche Euch schöne Weihnachten und ein gutes Neues Jahr) und
fügte noch ein paar Worte hinzu, die ich in der Schule in Zürich und bei
Aufenthalten im Stiefelland gelernt hatte.
Nicht einmal ein Landsmann und doch...
Eisernes Schweigen unter den Studenten, kein Lächeln, kein Schmunzeln, nicht
einmal leuchtende Augen aus Dankbarkeit, dass sich da ein Schweizer, nicht
einmal ein Landsmann ihrer Eltern, die Mühe nahm, ihnen das Beste zu den
kommenden Festtagen zu wünschen. Am übernächsten Tag blieb einer sitzen und kam
dann zum Katheder. Sein Name war Joe Siciliano, ausgesprochen Sicilianou. Er
wollte mich für den kommenden Sonntag nach Hause einladen. Dort angekommen,
weinten die Eltern vor Freude, dass ein Dozent der grössten Jesuitenuniversität
der Welt sich in ihrer Sprache an die Studenten wandte. Obwohl bereits seit
Jahrzehnten in der Neuen Welt, sprachen sie immer noch besser italienisch als
amerikanisch. Freilich liessen sie es sich nicht nehmen, mich mit den
köstlichsten Spaghetti mit allem Zubehör an sugo, Zwiebeln, Peperoni, Basilico
und zur Krönung einen köstlichen Chianti-Wein zu verwöhnen und präsentierten mir
nebenbei die wirklich hübsche und intelligente etwas ältere Schwester Giuseppes
namens Rosalinda – wie konnte sie als Sizilianerin anders heissen!
Das bessere Leben in der Zukunft
Freilich war der echte sizilianische Mädchenname in Amerika zu Rose verkommen.
Ich bestand hingegen darauf, sie Rosalinda zu nennen. Hat sie mir dafür nicht
gedankt, so taten es ihre der Heimatinsel noch so sehr verbundenen Eltern umso
mehr. Glücklich seien sie nicht in den Vereinigten Staaten, doch die
Arbeitslosigkeit zuhause hätte sie, wie tausend andere zur Auswanderung
gezwungen, erklärte mir der Vater. Wenigstens für den Nachwuchs sei es besser
gewesen. Als Absolvent der elitären strengen Fordham Universität unter Leitung
der Jesuiten stand ihm eine gesicherte Zukunft bevor. Rosalinda hatte den
Bachelor einer katholischen Mädchenuniversität bereits hinter sich. Mitte der
Fünfzigerjahre herrscht in den USA ein Optimismus sondergleichen. Die letzte
Frage meines bereits in Texas verteilten Questionnairs lautete „Möchtet ihr am
liebsten in der Gegenwart oder in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben?“
Nicht so ausgeprägt wie im modernen „Wilden Westen“, doch immerhin bedauerten
sehr viele, nicht bereits vom Fortschritt der kommenden Jahrhunderte profitieren
zu können. Das waren noch Zeiten - vor 55 Jahren.
Der feste Wille, die Vergangenheit ganz hinter sich zu lassen
Für den Nachmittag empfahlen die Eltern für den „Herrn Professor“ den Besuch
einer Kunstgalerie. Freilich in Begleitung auch von Joe und Rosalinda. Dass
Signor Siciliano, vor allem la Signora auch mit dem Gedanken spielten, die
Tochter mit einem Europäer zu verheiraten, der wenigstens italienisch gut
verstand, wenn auch nur dürftig sprach, mag mit ein Grund der vorzüglichen
Einladung und Gastfreundschaft gewesen sein. Wichtiger war der felsenfeste Wille
der Eltern, den Kindern eine sorgenfreie Zukunft in den STATES zu verschaffen,
eine bessere als den Eltern mit all den Opfern der Auswanderung armer Leute
beschieden war. Von gegenseitiger Anpassung, damit jeder vom andern das Beste
lernen und weitergeben kann, nicht zuletzt die eigene Muttersprache und grosse
Kultur, davon war von New York über Austin (Texas) bis nach L.A. (Los Angeles)
nirgends die Rede. Nur einer der vierzig Studenten – ein Sizilianer – hatte sich
wenigstens verstohlen zu seiner südländischen Herkunft bekannt. Aber auch er
wollte so schnell wie möglich akzentfrei amerikanisch sprechen, damit lediglich
noch der Familienname, nicht hingegen der Vorname ihn als Italiener verriet.
Zwischen all den riesigen Wolkenkratzern nahm sich die katholische Saint Patrick
Cathedral trotz ihres beachtlich hohen Turms sehr kümmerlich aus.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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