Zyklus: Schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten

Amici, meine italienischen Freunde... auf Bewährung

Meine beiden Nachbarn heissen Amici, was seit den alten Römern Freunde heisst: amicus = der Freund, amici = die Freunde, wer es lateinisch genau wissen will und es allenfalls in seinem Gedächtnis aufgespeichert hat. Nomen est omen, der Name ist Vorbedeutung, und das trifft für meine Nachbarn gegen Süden haarscharf zu: Sie sind Zwillingsbrüder, der eine 15 Minuten vor Mitternacht, der andere zehn Minuten nachher geboren. Obwohl sogar eineiige Zwillingsbrüder, haben sie zwei verschiedene Geburtstage, den 11. und 12. September.

Da wir so gut mit beiden auskommen, kam meine Frau Cécile nach einigen Jahren freundnachbarlicher Beziehungen auf die glänzende Idee, den beiden auf ihre Geburtstage hin eine Torte ohne genaue Bezeichnung der Schenker überreichen zu lassen. Die 50-jährigen Geburtstagskinder zerbrachen sich die Köpfe, wer so etwas tun konnte und waren durch die Aufschrift „dei soliti ignoti“ (von den gewöhnlich Unbekannten) besonders verwirrt. Sie fragten alle Freunde und Bekannten, ob sie... doch keiner und keine wusste etwas davon. Es gibt auch in Italien sehr ehrliche Leute, worauf den Signori Amici nichts anderes übrig blieb, als uns zur Rede zu stellen... und dann, nach Tagen mit einer herrlichen Mahlzeit in einem ihrer Häuser zu empfangen.

Genauigkeit um jeden Preis

Beide Amici, der vom 11. und der andere vom 12. September sind nach der Astrologie im Zeichen der Jungfrau geboren. Den zwischen dem 22. August und dem 22. September auf die Welt Gekommenen wird Genauigkeit bis zum Exzess nachgesagt. Wenn diese Sterndeuter sich immer geirrt haben sollten, im Fall unserer beiden jungfräulichen Nachbarn haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen. 
Niemals hat sich einer ihrer Grashalme in unserem Garten verirrt. Nichts der Freunde liess es zu einer Grenzverletzung kommen. Doch als etwas von meinen Palmen zwanzig Zentimeter über den Gartenzaun hinweg in ihr Hoheitsgebiet ragte, war dies ein Uebergriff, auf dessen Ueberwindung der vom 11. September bestand, allerdings keine Genugtuung für den entstandenen Schaden verlangte. Im Gegenteil: Reifen zu viele Tomaten in seinem Garten, schenkt er mir die überflüssigen, ohne je tausend Lire oder jetzt ein paar Euros zu verlangen. 
Dabei munden sie weit besser als was man im Laden kaufen kann, denn dort reifen die Früchte bekanntlich auf dem Weg zu den Geschäften, sehen wunderbar aus und schmecken nach nichts.

Um die Leserschaft nicht mit weiteren Gemeinplätzen zu langweilen, erzähle ich noch etwas sehr Eindrückliches, wenigstens mich Bewegendes: Kurz nach ihren Geburtstagen berichtete ich der Nachbarin vor elf Jahren von der 1998 und 2008 vorgeschlagenen und auch weltweit durchgeführten fünfstündigen Nachtwache im Gedenken an Johannes Paul I., jenen Papst, der in der Nacht vom 28. September 1978 verstorben ist. Irgendwann zwischen 22 Uhr und 3 Uhr in der Früh, einsam und verlassen. „Verreckt wie ein Hund“, erklärte ein Schweizergardist in seiner herben, aber treffsicheren Sprache. Denn zuvor sah er Päpste, umringt von Würdenträgern und Familienangehörigen sterben, wobei der Augenblick des eingetretenen Todes des Pontifax auf die Minute, vielleicht sogar Sekunde genau registriert und bald nachher vom Vatikansender, der ersten von Marconi 1921 errichteten Radiostation, weltweit verkündet wurde.

Innerlich aufgewühlt nach 20 Jahren

Als vom lächelnden Papst der 33 Tage die Rede war, hatte Signora Amici Tränen in den Augen. Nicht nur, weil er der letzte Italiener auf dem Thron Patri war. Ihr gefiel die einfache bescheidene Art seiner Reden an die Leute auf dem Petersplatz und am Bildschirm rund um die Erde. Von der Loggia herunter sagte er den auf dem Petersplatz versammelten zehntausenden Römern und über die Urbe hinaus der Orbis: „Ich verfüge nicht über die sapienza cordis (Herzensweisheit) Johannes XXIII. und nicht über die Kultur und gute Vorbereitung Pauls VI., doch jetzt bin ich an ihrer Stelle... und bitte um euren Beistand und euer Gebet.“

Als am 26. August 1978 mein Stiefsohn, protestantisch erzogen und laizistisch-agnostisch eingestellt – dies am Bildschirm hörte, meinte er spontan: „Wären alle Päpste so wie dieser, gäbe es bald nur noch Katholiken.“

Briefe an Mark Twain, Pinocchio und viele andere

In seinem imaginären Brief an den amerikanischen Schrifsteller Mark Twain 1835- 1910) heisst es:
Du warst einer der Lieblingsautoren meiner Jugendzeit. Noch heute erinnere ich mich an „Tom Sawyers Abenteuer“, diese lustige Schilderung Deiner eigenen Jugendstreiche. Wie oft habe ich eine von Deinen Geschichten erzählt, lieber Twain! 
Zum Beispiel die über den Wert der Bücher. 
Bücher haben einen unschätzbaren, aber sehr unterschiedlichen Wert, gabst Du einmal einem Mädchen zur Antwort. Ein Buch, in Leder gebunden, eignet sich vorzüglich zum Schleifen des Rasiermessers. Ein dünnes, kurz gefasstes Buch, wie die Franzosen das können, wirkt Wunder bei einem zu kurzen Tischbein. Ein dickes Buch, ein Wörterbuch zum Beispiel, eignet sich gut als Wurfgeschoss, um Katzen zu verjagen. Ein Atlas schliesslich, mit seinen grossen Blättern, eignet sich am besten, um Fenster damit zu verkleben. 
Meine Schüler waren nicht mehr zu bremsen, wenn ich ihnen versprach, einen neuen Streich von Mark Twain zu erzählen. Aber in meier Diözese wird es einen Skandal geben. „Ein Bischof, der Mark Twain zitiert!“ Vielleicht muss ich den lieben Leuten dort zuvor etwas erklären: So verschieden Bücher sind, so verschieden sind auch Bischöfe. Einige, Adlern gleich, schwingen sich mit Hirtenbriefen von hohem Niveau durch die Lüfte. Andere singen wie Nachtigallen mit wunderbarer Stimme das Lob des Herrn. Wieder andere gleichen den armen Zaunkönigen, die auf dem äussersten Zweig des Baumes der Kirche sitzen und piepsend zu unerschöpflichen Themen kärgliche Gedanken von sich geben.
Ich, lieber Twain, gehöre zu den letzteren. 


So brauche ich nichts zu fürchten, wenn ich Deine Erkenntnisse weitergebe. „Der Mensch ist viel komplexer, als es scheint. Jeder erwachsene Mensch birgt nämlich in seinem Inneren nicht eine, sondern gleich drei verschiedene Naturen.“ - „Wieso denn?“ fragte man Dich. „Nehmt einen x-beliebigen Herrn Müller. In ihm lebt Müller I., nämlich der, für den er sich selbst hält; dann Müller II., der, den die anderen in ihm sehen; und schliesslich Müller III., der, der er wirklich ist.“ 

(vgl. Ihr ergebener Albino Luciani, Brief an Persönlichkeiten, Verlag Neue Stadt München-Zürich-Wien, 9. Auflage 1997, übersetzt aus dem Italienischen (Illustrissimi) von Wolfgang Bader, S. 14/15)

Victor J. Willi, Rom Disentis

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