Hugo Loetschers Werdegang
Bemerkungen eines Freundes und Zeitgenossen
Im „Kino König“ sind wir uns begegnet. So nannten wir Studenten die Vorlesungen des „ewigen Privatdozenten“ René König, der uns, Studenten aus allen Fakultäten, für das damals neue Fach, die Soziologie, interessierte, vielleicht sogar nachhaltig begeisterte.
„Gemeinschaft und Gesellschaft“ hiess die Vorlesung, doch es war ein freier Vortrag über Kiltgang, das „Fensterle“ und tausend andere Bräuche und Institutionen, die uns die Umwelt und das Zusammensein und getrennt voneinander Leben neu erleben liessen.
Der ewige Privatdozent der Uni Zürich lebte während des Zweiten Weltkrieges und noch auf Jahre hinaus zum grossen Teil von den Hörergeldern seines grossen Publikums. Für die strengen Wissenschaftler oder einfach soziologiekritischen Denker war dieser Dozent zu wenig akademisch, plauderte mehr als dass er dozierte, oder war es der Neid wegen der vielen Hörer und vor allem Hörerinnen, warum René König lange in Zürich nicht anerkannt und befördert wurde? Die Lorbeeren dann aber umso mehr im Land seiner Herkunft, wenigstens vom Vater her, ergatterte, und wie! Er war in Köln bald der deutsche Soziologiepapst par excellence...
Hugo und ich und viele andere, auch Walter Stutzer, der mich später in den Tagi holte, und Rolf Bigler, der es für die Weltwoche erledigte, dort, wo plötzlich viele König-Schüler, auch Hugo Loetscher mit andern Bewundern des Deutschen, der nie schweizerdeutsch lernte, sich versammelt hatten und wenigstens in diesem Medium soziologisch tätig waren, wir, auch Peter Atteslander verdankten diesem René König sicherlich mehr, als es uns damals bewusst war.
Hugo war es, der mir zeigte, dass es an der Uni nicht nur diesen Blender, nein, auch andere wirkliche Koriphäen der Wissenschaft, wie Fritz Ernst, Professor für vergleichende Literatur gab, der ausserordentlich spannende Vorlesungen bot, z. B. über den Schelmenroman von Lazarillo von Tormes, der erste dieser neuen Literaturgattung des späten Mittelalters, lange vor dem Simplicissimus. Wir Deutschsprachigen hinkten den Lateinern einmal mehr nach, ohne dass es die meisten jedoch wussten und uns Schweizer, auch Hugo und mich, um so mehr erfreute.
Das hat der Zürcher Professor Fritz Ernst uns jeweils in der letzten Stunde auf die spannendste Art beigebracht, mit „Rückbezügen“ und „Vorbezügen“ auf die ganze Weltliteratur, dass es eine helle, nicht nur grelle Freude war.
Wir haben uns auf Anhieb zum vertraulichen Du gefunden, denn damals war auch unter gewissen Studenten wenigstens an einer grossen Universität das Sie die korrekte abtastende Anredeform, gelegentlich geradezu kultiviert, um die Sympathie, wenigstens das willkommene Wiedersehen umso mehr durch die Duzis-Zeremonie möglichst mit Wein, Weib und Gesang feiern zu können. Waren die Bande einmal geknüpft, hielten sie über die Distanzen der Zeit und des Raumes hinweg meist ein ganzes Leben lang.
14 Jahre später gab's ein Wiedersehen in der Weltwoche-Redaktion, er als Redaktor, ich als Italienkorrespondent. Wir begegneten uns nach langer Zeit, als hätten wir uns gestern zum letzten Mal gesehen, trafen andere Kino König-Besucher und schmunzelten ob Rolf Biglers Soziologen-Verschwörung, gegen die von dieser Wissenschaft noch nicht erhellte öffentliche Meinung.
Er sei nicht jener gewesen, der mir auf Besuch im Jahre 1964 zynisch einen „Zwänzger“ - ein Zwanzigrappenstück – für eine „gute“ Idee über den Redaktionstisch hinweg überreichte, erklärte mir Hugo 1996 während eines Mittagessens im Storchen an der Limmat – wo denn sonst – er wohnte ja in der Nähe und verschmähte nie eine gute Mahlzeit. Eine solche Geste der ironischen Anerkennung hätte besser zu Wollenberger gepasst, erklärte er mir, und ich musste ihm sofort zustimmen.
Zynik war Hugo so gut wie fremd, Humor hingegen im besten Sinn des Wortes auch als lachende Träne eigen, passte zu seiner Art des Schreibens und des Redens, nicht nur die ihm häufig nachgesagte Ironie. Humor und Tiefsinn sind in einem nach dem Tod viel zitierten Satz über seinen Vater festgehalten: „Er war ein Mann, den ich gerne gern gehabt hätte“. Damit hat Hugo manchen Zeitgenossen Erinnerungen aus der eigenen Jugend geweckt, denn viele unter uns hatten, dem Zeitgeist gemäss, einen strengen Vater, dem wir viel verdankten (auch weil das Danken damals gross geschrieben wurde) und den wir, hätte er es zugelassen, noch so gerne gern gehabt hätten.
Hatten wir deshalb unsere Mütter umso lieber, um für unsere offene zärtliche Zuneigung einen stets präsenten Anker zu finden. Umso ärger für die Zeitgenossen, die nicht einmal die Mütter für den vertraulichen Umgang gewinnen konnten.
Nicht nur in solchen familiären Angelegenheiten fühlten Hugo und ich uns nach einer weiteren Begegnung im Jahre 1996 verbunden. Er hatte sich wie ich, doch auf andere Weise, die Welt zur Heimat gemacht, ohne die Urheimat oder die Wahlheimat zu verraten. Wir waren Schweizer und Zürcher durch und durch, aber stets wenigsten in Gedanken auch in andern Ländern heimisch und zu Hause und dann immer wieder nicht nur mit Wünschen und Plänen, sondern mit Jets und Schiffen und Autobussen irgendwo auf mehr oder weniger fernen Kontinenten unterwegs, stets auf der Suche nach neuen Fragen, in der Überzeugung, dass feste Antworten nur orts- und zeitgebunden sind.
Nur die Unerfahrenen geben sich mit festen Antworten zufrieden. Ganz anders verhält sich der Weltbürger, der alle Menschen gerne gern haben möchte, auch wenn nur wenige eine solche All-Verbundenheit schätzen oder auch nur verstehen, sich lieber in irgendeinem Schneckenhaus verstecken, im Zeitalter der Globalisierung jedoch verspüren, wenigstens ahnen sollten, dass wir alle, nicht nur Hugo und ich, uns die Welt zur Heimat machen sollten, mit möglichst einem festen Boden, mehr als dem lockeren Staatenbund der vereinten, doch noch längst nicht vereinigten Nationen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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