Gross-Appenzöll
Würde man Inner- und Ausserrhoden, also die beiden Ostschweizer Halbkantone,
auswalzen, ergäbe es eine Fläche vielleicht so gross wie der Kanton Zürich, wer
weiss sogar das Waadtland. Mit seinen vielen Schluchten und Tälern und auch
einigen hohen Bergen und ungezählten Hügeln ist das Appenzellerland derart im
buchstäblichen Sinn weit-läufig, dass sämtliche Wege und sozusagen alle Strassen
voller Kurven sind: Wer eine verfehlt, hat gleich sein Leben verwirkt. Wenigsten
im Gegenverkehr...
Auf die Frage an die Sekretärin des katholischen Pfarramts Heiden – Frau
Nyffenegger -, wie weit es denn mit dem Auto von Heiden nach Schwellbrunn sei,
gab sie als waschechte Appenzellerin eine nicht gleich verbindliche Antwort.
Vielmehr stellte sie die Gegenfrage „mit oder ohne Schnee?“. Hätte sie Glatteis
gesagt, wäre mir gleich ein schreckliches Erlebnis in den Sinn gekommen. Als ich
nämlich in der Nähe der Hauptstadt des Inneren Appenzells überhaupt nicht mehr
vorwärts kam und im nächsten Hotel die Nacht verbringen musste, da waren für
mich die zwei Halbkantone nicht nur gross, sondern uferlos, beim blossen
Gedanken einer Weiterfahrt zugleich schrecklich und furchterregend für den Rest
des Lebens.
Zwischen Himmel und Erde ist alles relativ
„Mir hönd ebe nöd numme Vorderland und 's Hönderland', mir hönd au s
Mittelland.“ Was für das Verständnis gewöhnlicher Eidgenossen eine für unsere
Verhältnisse immerhin ziemlich grosse Fläche der alemannischen Schweiz umfasst,
ist für die Appenzeller „Hönderländer“ bei der entsprechenden Witterung ein weit
entferntes riesengrosses, bei Glatteis unerreichbares Gebiet.
Das wenigste, was die gewöhnlichen Deutschweizer für Appenzell, das heisst
Appenzöll tun könnten, wäre es, angesichts ihrer Grösse jedem der zwei
Halbkantone statt nur einen gleich zwei Ständeräte zuzugestehen – auch wegen der
häufig enormen Bedeutung dieser Damen und Herren.
Ein besonders schlagfertiger Appenzöller
A propos Ständeräte: Da lud mich vor Jahren ein Kiwani Club von Appenzell
Innerrhoden als Redner zu einer Weihnachtsfeier ein. Ich suchte einen Parkplatz
und war glücklich, endlich einen nicht zu weit vom Versammlungsort gefunden zu
haben. Wie man sich nur irren kann! Ein gar nicht kleiner Appenzeller kam auf
mich zu und verwies auf eine Tafel oder eine Bestimmung oder irgendetwas, das
ein „Ausländer“, auch wenn er Schweizer ist, nicht begreifen konnte. Ich
leistete keinen Widerstand. Er wäre auch völlig abgeblitzt; denn ich merkte auf
einmal, vor dem Allgewaltigen von Gross-Appenzell zu stehen, der es in Bern
manchmal fertig brachte, angesichts seines Ansehens voller Appenzöller Witz die
andern Parlamentarier zu blossen Statisten zu degradieren.
„Lieber Gott, bewahre uns vor der Pest und den Appenzellern“
„Sind Sie Herr Nationalrat Carlo Schmid?“, fragte ich mein Gegenüber. „Nä nä“,
gab er zur Antwort, kurz und bündig und mit bestem Recht, denn er war ein
Vertreter der beiden Appenzells nicht in der grossen Kammer des Bundesparlaments
und konnte die Frage deshalb kurzerhand verneinen. Er hätte sie auch sofort
richtig stellen können. Er tat es aber nicht. Ihm war mehr an dem bereits von
mir besetzten Parkplatz gelegen. Immerhin erwies er sich als derart
zuvorkommend, dass er mir erklärte, wo ich einen solchen finden konnte, nämlich
an einem Ort irgendwo in Richtung Rapperswil.
So leicht liess ich mich aber nicht abfertigen. Ich erinnerte mich genau, den
Mann mehrere Male am Stehpult von Zürich-Seebach und auch sonst am SF 1 gesehen
zu haben und stellte ihm die richtige Frage: „Sind sie Ständerat?“ Dies konnte
Carlo Schmid nicht verneinen... und gab sich wenigstens in dieser Hinsicht
geschlagen. Immerhin hat er mir gezeigt, dass man in Appenzöll seiner Sache
100%ig sicher sein muss, um von diesen sprichwörtlich witzigen, schlagfertigen
und früher jenseits der Landesgrenze sehr gefürchteten Eidgenossen nicht gleich
für dumm verkauft zu werden.
Gibt es noch einen Appenzöller, der nicht weiss, was über dem Eingang einer
katholischen Kirche im Vorarlberg in grossen schönen Lettern – damit es auch
wirkt – geschrieben steht: „Lieber Gott, bewahre uns vor der Pest und den
Appenzellern!“ Dies hat mir ein Appenzöller nicht ohne Stolz in Erinnerung
gerufen, als ich als gewöhnlicher Unterländer etwas von ihm haben wollte, das er
mir nicht ohne weiteres geben wollte
Wo alles anders ist als anderswo
Übrigens habe ich von einer Ausserrhödlerin vernommen, die wirklich schlausten
und meist auch reicheren Vertreter von Appenzöll lebten in Innerrhoden. Im Blick
auf deren Konfession und Max Webers Meisterwerk „Die Ethik des Protestantismus
und der Geist des Kapitalismus“ scheint mir das unglaubwürdig. Aber eben: Was
weltweit gilt und dank der übertüchtigen Puritaner den ungeheuren Aufschwung der
USA zur Supermacht Nr. 1 im Gegensatz zum arm gebliebenen katholischen
Südkontinent erklärt, trifft in Appenzöll, wo alles anders ist als anderswo,
offenbar nicht zu. Oder ist das eine Mär, eine erfundene Geschichte, mit der die
Appenzöller die ganze übrige Welt zum Narren halten? Auf jeden Fall ist Herisau
eine fast dreimal grössere Ortschaft als die Kapitale von Innerrhoden –
wenigstens nach den Seitenzahlen in meinem Telefonbuch 2005 – 67 gegenüber 25 -
ein ziemlich sicherer Indikator des erreichten Wohlstandes eines Dorfes oder
einer Stadt. Herisau hat sogar nicht nur eine Zeitungsredaktion, sondern auch
ein ganzes Medienhaus mit einem täglichen Ausstoss allein der Appenzeller
Zeitung von 15000 Exemplaren und dem 6500mal verkauften Appenzeller Kalender,
neben einem eigenen Buchverlag. Chapeau aus Disentis und Rom!
Victor J. Willi, Rom Disentis
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