Es gibt ein richtiges Leben im falschen
Leserbrief zu Joachim Gaucks Artikel in der NZZ vom 22. Mai 2010, Nr. 116, S. 65



Gibt es heute ein richtiges Leben im falschen?

Überzeugend hat der evangelische Pfarrer Joachim Gauck mit vielen Beispielen nachgewiesen, dass es in der DDR unter Sowjetischer Oberherrschaft ein richtiges Leben im falschen gab. Damit widersprach er Theodor Adornos viel zitiertem Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. „Als Adorno das schrieb, irrte er sich“, entgegnete Gauck.

Ich frage mich und andere, ob wir heute in der sogenannten 1. Welt Europas und Amerikas angesichts des täglichen Sterbens hunderter, vielleicht tausender Menschen in der 3. Welt, vor allem in Afrika und Asien im Blick auf unser verhältnismässig luxuriöses Dasein ebenfalls ein derart richtiges Leben im falschen zu führen vermögen? Ist die Europäische Union (EU) etwas anderes als die Festung Europas zur Beibehaltung des Wohlstandes in sozusagen allen EU-Mitgliedstaaten und mit derer direkten oder indirekten Hilfe der gleichsam im gleichen Boot der Bevorzugten dieser Erde sitzenden Nichtmitgliedstaaten wie die Schweiz oder Norwegen? Ist das Recht auf Leben auf halbem Wege stehen geblieben? Gilt es innerstaatlich, doch nicht ausserstaatlich, ist es nicht das wichtigste, sondern ein nebensächliches Rechtsgut für rund fünf Sechstel der Menschheit? Müsste es nicht auch ein vom Völkerrecht geschütztes, nicht nur anerkanntes, sondern durchsetzbares Menschenrecht sein? Leistete der erfahrene und zuvor schwer geprüfte Geistliche mit seinem Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ nicht nur Grossartiges zur Bewältigung unserer Vergangenheit, auch jener der Schweiz, sondern könnte noch Bedeutungsvolleres für die Zukunft der ganzen Menschheit und den Fortbestand der vielerorts arg bedrohten demokratischen Staatsform tun? Wunderbar, wenn er mit andern Autoren und Autorinnen im nächsten Buch eine ebenso überzeugende Antwort zur Bewältigung unserer Zukunft und unserer Staatsform zum Gedeihen der  g a n z e n  Menschheit erteilen könnte.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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