Zyklus: Schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten (64)

Altersübermut statt Altersweisheit


Die Zeiten sind vorüber, dass im Kreis der Familie, vielleicht ganzer Clans, der Rat der Alten noch etwas galt. Heute wollen die Betagten möglichst lange jung erscheinen. Kaum eine uralte Amerikanerin, die kein Make-up verwendet und mit roten Bäcklein und perfekten Massen eine Jugendlichkeit vortäuscht, die fast ins vorletzte Jahrhundert zurückreicht.

Was Wunder, dass beim heutigen von den USA diktierten Zeitgeist kaum noch ein Europäer zu seinen vielen Jahrzehnten steht. Auch ich erwischte mich beim Altersübermut anstelle der gebotenen Altersweisheit wenigstens im Umgang mit mir selber. Da erwischte ich mich – zu spät – in der Gondel von der Talstation Disentis nach Caischavedra. Mit einer Saisonfreikarte im Sack für meine Berichte über das letzte Pfingstskilaufen und Disentis nicht weitersagen als Anreiz, wegen der kaum je überfüllten Skiliftanlagen: dass man kaum irgendwo irgendwann anstehen muss und das Skilaufen weit über Ostern hinaus noch vom Auffahrtstag bis zum folgenden Sonntag und vielleicht sogar noch am Pfingstmontag geniessen kann. Wo kann man das sonst noch in Graubünden?

Ich vergass mein noch immer allzu schnell pulsierendes Herz und fuhr am ersten Skilifttag – dem ersten Skiliftwochenende im Dezember – mit dem Bügellift auf halbem Wege zur Gendusasalp. Altersübermut statt Altersweisheit hielten mich im Schlepptau. So brachte ich sogar die grosse erste Abfahrt bis zur Caischavedra-Bergstation hinter mich.

Nach Anbruch der Dunkelheit, im sicheren Hafen des Disentiserhofes bekam ich meinen Leichtsinn zu spüren. Bereits ein halbes Jahr älter als mein Grossvater, der legendäre Churer J. Willi Sohn, der wie ein Papst während dreier Nächte von seinen sechs Söhnen mit den jeweiligen Schwiegertöchtern und drei eigenen Töchtern im Todeskampf sorgsam bewacht und schliesslich entschlafen ist, lag ich im Bett und bedauerte meine Unverfrorenheit, nach einer Autofahrt von Trimmis nach Disentis nicht die Lehre aus meinem nicht top-fitten Zustand gezogen zu haben. Aus Schaden wird man klug, hiess es früher. Doch welcher alte Mensch ist heute noch so klug, in Würde alt zu werden, vielleicht sogar ein bisschen weise? Wenigstens in dieser Hinsicht bin ich noch einigermassen up-to-date!
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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