Zyklus: Schöne erlebte
Geschichten aus fünf Kontinenten
Richard Löwenherz, Iwan der Schreckliche und Victor der Plötzliche
Die Geschichte der vergeblichen Gedankenübertragung eines Beagle in Not
Sie sassen an einem runden Tisch. Die einzigen Gäste in der Zwischensaison im
Disentiserhof. Und dies seit Jahrzehnten. Immer im gleichen Hotel zur gleichen
Zeit – auch weil alle grossen Hotels im Klosterdorf während der Zwischensaison
ab Mitte Mai geschlossen sind.
War es Zufall oder nicht? Ich benötigte eine Auskunft. Von Madelene, der seit
dreissig Jahren schönsten Disentiserin und Allround-Angestellten im
Disentiserhof… und stiess auf zwei Gäste, die mir gleich sympathisch waren.
Obwohl nicht mehr die Jüngsten spielen sie Tag für Tag zwei Stunden Tennis. Das
hält sie fit, tun es seit Jahren im sogenannt schönen Monat Mai, der im Jahre
2010 bisher in Disentis und anderswo sehr zu wünschen übrig lässt.
Drei Male um die Erde – immer über Australien
Um sie bei der nächsten Begegnung wenigstens mit dem Vornamen ansprechen zu
können, bauten mir die beiden eine Eselsbrücke. Der ehemalige Bürger aus der
Bundesrepublik stellte sich als Richard Löwenherz vor. Sein Kamerad bezeichnete
sich als Iwan der Schreckliche. Mir gaben sie den passenden Namen: Victor der
Plötzliche, denn ich hatte mit einem Anliegen für Madelene ihre Unterhaltung
unterbrochen, setzte mich dann aber auf ihre Einladung hin an den gleichen Tisch
und berichtete aus dem meinerseits nicht mehr grünen Leben. Immerhin bin ich
drei Male um die Erde gereist, stets über Australien (wo mein Sohn Stefan seit
16 Jahren lebt), stets in Etappen, einmal mit dem Frachtschiff von Hamburg nach
Sydney. Meine Frau und ich haben dabei 78 Länder kennengelernt, wenn man das
nach Kurzaufenthalten von jeweils 7 bis 10 Tagen überhaupt behaupten kann.
Ohne Pensionskasse im Rücken muss ich meinen Lebensabend mit Vorträgen in
Service Clubs, Primar-, Sekundar- und Mittelschulen, gelegentlich auch in
Altersheimen und seit vier Jahren mit Vorliebe in Kindergärten bestreiten,
erzählte ich den mit Pensionskassen wohl gepolsterten Neu-Eidgenossen schöne
erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten und hoffe, dass meine schönen erlebten
Geschichten vielleicht einmal in Buchform, vorderhand bei Redaktionen, dann
ihrer Leserschaft Gefallen finden könnten.
Wenn Sie wollten, würde ich ihnen am folgenden Abend die Geschichte von meinem
Hund erzählen, schlug ich den beiden Tischnachbarn vor. Temok hat vielleicht
mein Leben gerettet. Ich konnte seinen Tod nicht verhüten. Vor zwanzig Jahren
hatte ich ihn im Garten unweit von Riano bei Rom begraben, und dachte nicht mehr
an meinen Hund, säuberte die Sträucher, damit die roten wunderbar schmeckenden
Johannisbeeren mich im Juni nach meiner Rückkehr in grosser Zahl erfreuen
konnten. Da ist plötzlich der Pickel auf etwas Hartes gestossen. Wie bin ich
erschrocken und war tief traurig, denn dort befanden sich die letzten Überreste
meines lieben Temok – seine Knochen…
Meines Lebensretters
machtloser Traum
Vor 27 Jahren lag ich mit hohem Fieber im Bett meiner kalten Römer Wohnung. Wie
immer erwies sich Temok über der Decke als allerbeste Bettflasche. Auf einmal
stülpte der Beagle seine Schnauze über meine rechte Hand. Überaus sanft. Es tat
überhaupt nicht weh. Da er meine Sprache nicht versteht, ich die seinige nicht
begreife, konnte ich mir nur denken, was er mir sagen wollte: „Nicht sterben,
nicht sterben, bleib bei mir, bleib bei mir!“ Er sagte es mit der grössten ihm
möglichen Vorsicht. Mit der Hand in seiner Schnauze spürte ich lediglich seine
Zuneigung, die grosse Anhänglichkeit seit Jahren.
Beagles sind eigenwillige Hunde, und Temok war unter seinen Rassenkameraden der
geradezu Eigenmächtigste. Kaum aufs Land gezogen, bohrte er unter dem Gartenhag
ein Loch und vergnügte sich im nahen Dschungel. Gelegentlich kehrte er erst am
Morgen nach Hause zurück. Nicht weiter schlimm, denn die nächste belebte Strasse
war weit entfernt. Mehr als zwei Kilometer von der Via Stazzo Quadro, wo ich
mitten in der wunderschönen Campagna Romana, die kaum jemand kennt, wohne.
Telepathie eines Hundes in Not
So sorgte ich mich nach einer späten Rückkehr von einer Einladung in Rom nicht
allzu sehr. Spätestens am Morgen würde er nach Hause kehren. Mitten während der
Nacht oder war es schon am Morgen sah ich im Traum meinen Hund im Graben rechts
von der belebten Via Flaminia liegen. Ich fuhr mit dem Auto zu jener Stelle, die
mir der Schlaf verraten hatte. Genau dort lag er… tot. Wahrscheinlich wurde er
von einem Auto an-, nicht überfahren, konnte sich noch in den Graben retten und
jenes Wesen um Hilfe rufen, das ihm am nächsten war. Ich kam zu spät. Mir blieb
nur der grosse Kummer seines Todes.
Schön ist diese Geschichte, weil ich sie immer und immer wieder erzählen kann.
Viele junge Menschen und alte Leute haben sie erfahren. So lebt mein Temok
wenigstens noch in der Erinnerung von hunderten, im Laufe der Jahre tausenden
Kinderherzen, ist wenigstens in ihrer und meiner Erinnerung nicht gestorben.
Mein Cousin Jürg Willi war sehr erstaunt. Die mehr als 50-jährige Praxis hat ihm
nie einen solchen Fall präsentiert. Die Möglichkeit der Gedankenübertragung von
einem Tier auf einen Menschen war für den bekannten Psychiater ein Novum. Ich
habe diese Telepathie selbst erlebt und lasse sie mir von niemandem ausreden.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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