Das zugleich originellste, billigste und kostbarste Geburtstagsgeschenk

Zu meinem Fünfzigsten, vor 32 Jahren, habe ich von Leon, einem Deutschen mit spanischem Namen, das zugleich originellste, billigste und kostbarste Geschenk erhalten. Es stellte all die auserlesenen, teuersten, doch für diesen Anlass allzu gewöhnlichen Champagnerflaschen in den Schatten, erhielt das Lob der ihrerseits auf Originalität bedachten Italiener mit allerdings vorgehaltenen Händen und führte und berührte mich in besonderer Weise: denn es war ein Kilometerstein, genau ein 500-Meter-Stein mit der römischen Ziffer für 5 = V eingemeisselt, nach römischem Vorbild wie die Strassennummern in der Kapitale, die schönsten weit und breit, und sinnträchtigsten zugleich: denn Rom war einst caput mundi Kopf der Welt, und ihre Konsuln und Kaiser und frühere Potentaten hatten sich für die Fünf das V, das Siegeszeichen für Victoria (Sieg) ausersehen.

Wie konnte Leon, den Vornamen habe ich vergessen, wie konnte der Deutsche in Rom Wohnhafte, eine Art Nachfahre der Deutschrömer à la Gregorovius zum 50. Geburtstag mir etwas Sinnvolleres schenken als diesen Halbkilometerstein?

Ich werde vermutlich zwar nicht hundert Jahre alt wie meine Mutter bei einem Heer, aber fünfzig gilt nun mal als Lebensmitte, wer sie überschreitet, ist gewöhnlich näher dem Tod als dem Tag seiner Geburt und sollte sich langsam aber sicher auf das letzte Stündchen vorbereiten. Wie kam der Deutsche spanischer Herkunft zu diesem 500-Meter-Stein, unter dessen Asphaltbelag noch immer die Pflaster der antiken Römer vor Jahrzehnten an einer Stelle zum Vorschein kamen, zur Besichtigung der Touristen, als Beweis, dass man sie nicht für dumm verkaufte, dass alles wahr ist, was der Reiseführer – pardon, heute darf man wegen Adolf nur noch Reiseleiter sagen – den noch so gerne in Erstaunen versetzten Touristen wenigstens an dieser Stelle alles erklärte. Wie kam Leon auf die tolle Idee, die er auch verwirklichte?

Zweifellos bei einer Nacht- und Nebelaktion hat er diesen grossen schweren Stein neben der Strasse ausgegraben, ich schätze um drei Uhr in der Früh, wenn wirklich niemand das Frevelwerk an der Antike bemerken, anzeigen und vielleicht sogar verhindern konnte.

Leon, der Deutsche spanischer Herkunft, hat sich aber aufgeopfert, wie er es tat als Tennisspieler, verbissen, wie Rafael Nadal. Noch vor einem Jahr lief er jedem Ball nach, verblüffte die süffissanten Römer mit seinem sich selbst vergessenden unerbittlichen Spiel, verblüffte sie und erheiterte sie zugleich, denn was in Rom noch mehr zählt, wenigstens in der Moderne, ist das Sprichwort „chi me la fa fa?“ „Wer macht mich das alles schaffen“, das heisst wozu der Aufwand bei dem geringen Nutzen, fest verankert in der Volksseele, mindestens so tief wie der am Strassenrand der Via Flaminia gestohlene 500-Meter-Stein.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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