Reminiszenzen von einem Berlinbesuch im Frühling 1961

Mit ROMA-Fiat vor dem Bau der Berliner Mauer
Der richtige Wagen, das noch bessere Nummernschild und der falsche Pass

Ende März 1961, wenige Monate vor dem Bau der Berliner Mauer, wollte ich am Steuer meines Fiat 600 die ehemalige deutsche Hauptstadt besuchen. Zu meiner Verwunderung wurde ich an der Grenze von einem Sowjet-Gewaltigen freundlich begrüsst. Ich hatte ein Römer Nummernschild – da war der Name der italienischen Hauptstadt voll ausgeschrieben. Das Hoheitsschild – I – gefiel dem Russen an der Berliner Zonengrenze in besonderem Masse, denn Italien war das erste Land der atlantischen Bündnisgemeinschaft, das bereits damals die Souveränität der DDR anerkannte. Im Blick auf meinen Schweizer Pass verfinsterte sich dann allerdings sein Gesicht, so dass er mir den Grenzübertritt verweigerte. Mein Reisepass war abgelaufen. Für die Verlängerung musste ich die 128 Kilometer zum nächsten Schweizer Konsulat in Hannover zurückfahren. Mit dem erforderlichen Stempel stand ich vier Stunden später erneut vor dem Tor zu meinem Reiseziel. Diesmal war alles o.k., sogar der Ausweis meiner offensichtlich nicht beliebten Nationalität. Im Schlepptau von Washington liess Bern im Gegensatz zum flexibleren Rom noch Jahre bis zur Anerkennung der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik verstreichen.

Endlich ein Passant aus einem befreundeten Staat

Einmal im damals noch arg zerstörten und lediglich im Osten wenigstens an der Stalinallee pompös ausgebauten blitzsauberen Stadtteil war ich dann allerdings mit meinem italienischen Kleinauto und dem passenden Nummernschild hochwillkommen, geradezu persona gratissima. Ich konnte unbehelligt von der West- in die Ostzone fahren.
Einmal bin ich aus Versehen vom russischen Sektor in den Westen gelangt, das heisst ich befand mich plötzlich im französischen Sektor der Vierzonenstadt, ohne auch nur einmal aufgehalten zu werden. Wo andere Europäer aus Staaten mit weniger Verständnis für die Existenz einer selbständigen Deutschen Demokratischen Republik sowjetischer Prägung auf Herz und Nieren geprüft wurden, vor allem auch den Kofferraum öffnen mussten, um zu verhüten, dass da ein weiterer Untertan der Supermacht buchstäblich hinterrücks das Heil in der Flucht nach dem Westen suchte, grüssten mich die sonst so strammen Russen geradezu freundlich. Volles Verständnis statt schroffe Zurechtweisung erfuhr ich auch bei der Rückreise, diesmal in Richtung Nürnberg. Auf der noch von den Nazis gebauten Autobahn – nach Mussolinis Primeurs Rom-Ostia und Mailand-Como europaweit eine der ersten Schnellstrassen auf dem alten Kontinent – fuhr ich um Mitternacht an Leipzig vorbei, „einäugig“, allein auf weiter Flur durch die nicht einmal von den Sternen beleuchtete Landschaft.

Zwei Volkspolizisten hielten mich an, mit lauter Stimme und im Tonfall der Gerechten. Mir kam der liebe Gott oder die damals besondere Bauart der italienischen Kleinautos zu Hilfe. Denn mit einem Schlag auf den Kotflügel erhellte sich die linke Lampe an meinem Fiat-Wagen, zum grossen Erstaunen der strengen Polizisten mit dem weichen Herz für einen Automobilisten aus dem „verbündeten“ Italien. Im Vertrauen darauf, dass der Schaden meines Fahrzeugs endgültig behoben sei, liessen sie mich mit meinem I-Nummernschild ohne weiteres nach Süden zur deutsch-deutschen Grenze fahren. Da wurde mir zum ersten Mal klar: FIAT ist nicht die Abkürzung von „Federazione Italiana Automobili di Torino“. Vielmehr liessen sich die mehr schlauen als religiös gesinnten Turiner Autohersteller des Agnelli-Clans bei der Namensgebung ihrer Firma von der Schöpfungsgeschichte inspirieren, dort nämlich, wo es in der Genesis heisst: FIAT LUX - Es werde Licht!

Victor J. Willi, Rom Disentis

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