Die «echtesten» Weihnachten

Auf Einladung der Phi-Delta-Theta-Studentenverbindung verbrachte ich zwei Semester an der University of Texas. In Austin, der Kapitale des Wild-West-Staates der USA par Excellence. Einen Monat vor Weihnachten 1952 hiess es am Anschlagbrett vor der Kanzlei: Wer auch immer ein Instrument spielt, gleichgültig wie gut oder schlecht, solle sich melden. Vielleicht könne man ein Streichorchester, wenigstens ein Streichquartett zusammenstellen. Ich fand einen Physikstudenten, der fabelhaft Klavier spielte, ohne je Klavierstunden genommen zu haben. Irgendwo im Hinterland, wo es keine Klavierlehrerin gab, lernte er alles selbst, ohne die geringste Anleitung.

Wir spielten zusammen Mozartsonaten. Ich hatte drei Jahre zuvor ein Geigendiplom bestanden (mit der Note „genügend“). Mein Begleiter hatte eine glänzende Idee: „Zum ersten Mal in Deinem Leben bist Du weit entfernt von zuhause. Deine Eltern werden Dich an Weihnachten besonders vermissen, und Du hast Heimweh nach Deiner Familie. Warum senden wir ihnen nicht eine gemeinsam gespielte Mozartsonate?“

Damals war es noch eine technische Meisterleistung sondergleichen, im Sendestudio von Radio Austin eine solche Aufnahme herzustellen. Als Austauschstudent verdiente ich nichts, hatte nur meinen Gratisaufenthalt im Fraternity House an der Madison Avenue. Robert Kandinsky, wie er nach meiner Erinnerung hiess, bezahlte als Werkstudent alles, auch die teure Spedition der riesigen Platte über das grosse Wasser vom Wilden Westen bis nach Zürich.

Was Bob tat, bescherte mir aus einem bestimmten Grund die echteste Weihnacht meines Lebens. Er gehörte keiner christlichen Religionsgemeinschaft an, sondern war vielmehr bekennender Jude, wusste aber, dass Jesus, auch jüdischer Abstammung, empfohlen hatte, sich auf ein gutes Werk nichts einzubilden, weder die Anerkennung der andern zu erwarten, noch sich selber gut vorzukommen, gar zu meinen, mit einer guten Tat nach dem Tod im Himmel eine Stufe höher zu kommen. Wer das wünscht, holt sich seinen Lohn selber und braucht vom himmlischen Vater nichts zu erwarten, führt Matthäus in seinem Evangelium aus (vgl. Mt. 6,2)

Wer Weihnachten nur als christliches Fest wahrnimmt und erlebt, hat von diesem grossen Tag und seiner herrlichen Nacht zuvor nichts begriffen. Wir Christen können nur hoffen, dass es einmal über den politisch-institutionellen Frieden hinaus über alle Grenzen hinweg auch einen religiösen Frieden gibt, der alle Bekennenden mit allen Bekennenden und auch mit den nicht Bekennenden und den Atheisten verbindet, wenn wir das Jahr Null als Wendepunkt der Weltgeschichte verstehen und leben und begreifen, dass Jesus Christus für alle Menschen seiner Zeit und aller Zeiten gelebt und gewirkt hat und gestorben ist. Bob Kandinsky oder wie auch immer er heissen mag und vielleicht noch lebt oder schon längst gestorben ist, hat vor 57 Jahren im besten Sinne als guter, vorbildlicher Mensch gelebt und ein Zeichen dafür gesetzt, wie schön es wäre, wenn wir einem Juden zu seinem grössten Fest, dem Laubhüttenfest, und den Muslims zu ihren Ramadan und den Hindus, Buddhisten und Konfuzianern für irgendwelche besondere Gelegenheiten etwas schenken könnten.

Wer weiss: Das wäre wichtiger als alle Bestrebungen um ein gutes Einvernehmen unter den Weltreligionen und Konfessionen untereinander, die Ergründung und Verbreitung des gemeinsamen Weltethos, wichtiger als alle kopflastigen Gespräche, Debatten und Resolutionen in aller Welt. Wäre nicht gerade auch Franz von Assisi damit einverstanden?
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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