Disentis im Oktober und November
Disentis – meistens, wenn überhaupt -
lediglich als Klosterdorf bekannt,
nur wenige wissen, dass wegen der Hanglage seines Skigebietes
es von den schönsten und am längsten befahrbaren Pisten der Schweiz besitzt,
so dass an Auffahrt und über Pfingsten,
selbst so spät im Frühling,
zuletzt noch am Tag nach dem Fest des Heiligen Geistes,
es ein einzigartiges Tummelfeld
der späten Fans dieser Sportart darstellt...
Dieses Disentis ist am schönsten,
wenn die Einwohner fast allein unter sich sind,
die Farbenpracht höchstens noch
die alten SBB-Benützer mit ihren Extravergünstigungen
freilich auch die Glacier-Express-Reisenden,
sie ein Viertelstündchen lang bewundern können.
Da bieten die gelb, golden, braun, rot
und freilich grün in allen seinen Schattierungen
verfärbten Wiesen, Sträucher und Wälder
eine wundervolle Augenweide,
ein paradiesisches Bild
zu bewundern für alle Erdenbürger
auch jene, die einmal in der Hölle schmoren werden,
falls es dieses von Dante Alighieri schrecklich dargestellte
Reich der Finsternis überhaupt gibt.
Urs von Balthasar, der Jesuit, meinte,
es gäbe die Hölle, doch sie sei leer,
meine Tante in St. Gallen war ein derart guter Mensch,
dass sie den Allmächtigen bat,
er möge doch auch dem Teufel die Aufnahme in den Himmel gewähren.
Vorderhand müssen wir uns im Blick zum Himmel und in die Zukunft,
und was sie beide bringen werden,
was den Himmel auf Erden betrifft,
mit dem begnügen, was Disentis im Spätherbst uns Disentisern
gratis und franco, ohne eigenes Verdienst,
den Sinn für das Schöne im Übermass zu schenken vermag.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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