„Die schönsten Stunden meiner Kindheit habe ich mit Dir verbracht“
Wenn ich nicht nur in die Ferne schweife, vielmehr, wenn ich könnte, bloss die Füsse auf der Erde behalten.
Meine 80 Jahre lagen schon weit zurück. Da hat Catella mir die schönste Geschichte ihrer Kindheit erzählt: es seien jene Stunden gewesen, die sie mit mir an jenen Nachmittagen verbrachte, da ich sie in der Nähe der dem Dichter Chateaubriand geweihten Schule jeweils abholte und wir ans Meer oder zum Braccianersee fuhren, zusammen ein Mitgebrachtes assen und ein paar Stunden lang zusammen waren. Gelegentlich musste ich arbeiten, doch Catella beschwerte sich nie, verstand, was ich nicht verhüten konnte. Sie spielte am Strand mit andern Kindern oder fand gleich Anschluss an eine andere Familie mit vielleicht mehreren Kindern. Später, als sie die Jugend bereits im Überblick betrachten konnte, hörte ich sie sagen: „Glücklich das Kind, das in Italien aufwachsen darf.“ Tatsächlich ist der bambinismo, der Kinderkult, ein wichtiges Merkmal der Italiener, sucht seinesgleichen und findet es in Europa vielleicht nirgends in diesem Ausmass, weil hierzulande in einem Meer von Willkür etwas funktionieren muss, und das sind die Familie, die Freundschaft und das Brauchtum anstelle der missachteten Gesetze und der ganzen Rechtsunordnung.
Ich war erstaunt, als Catella mir diese Geschichte von ihrer glücklichen Zeit als kleines Mädchen erzählte und war nicht wenig erleichtert. Ob sie mir all das vor meinem Spitalaufenthalt sagte, der für mich wegen einer schweren Operation mit einem möglichen tödlichen Ausgang hätte enden können, weiss ich nicht mehr. Wollte sie mir Zuversicht für eine baldige Genesung vermitteln oder war es einfach eine Bemerkung, die dem alten Mann vor dem sicherlich nicht mehr fernen Ende Freude bereiten sollte? Vielleicht darf ich diese Frage gar nicht stellen, weil ihre Beantwortung für den lieben Menschen, der Catella ist, sich gleichsam von selbst erledigt.
So wie die Frage meines Enkels, ob ich wüsste, warum sich Grosseltern mit ihren Grosskindern besonders gut verstehen. Ich wusste es nicht, worauf er mir schmunzelnd erklärte: „parce qui'ils ont un ennemi en commun“ (weil sie einen gemeinsamen Feind haben).
Ich habe diese Geschichte andern erzählt und fand nicht immer Leute, die sie gleich verstanden haben oder aber von sich aus wussten, warum der Generationensprung so leicht zur besonderen Anhänglichkeit führt: Grossväter und Grossmütter können Milde und Grosszügigkeit walten lassen, die den Eltern bei ihrer Pflicht zur Erziehung oder dem Kampf ums Dasein versagt sind.
Was auch immer: als Kind geschiedener Eltern, mit einer Mutter, die eine sehr schwere Jugend erduldete, spürte Catella meine Liebe in den wenigen Stunden, die wir zusammen verbrachten oder während der Ferien in Arosa, wo sie mit mir und den Grosseltern gleich wochenlang zusammen war, in besonderem Masse. So häufig wir zusammen waren – im Winter und Frühling mehrere Wochen und im Sommer ganze Monate. Charakteristisch, was in der französischen Schule von Rom 1966 zur Sprache kam: die Lehrerin wollte wissen, ob die Schülerschaft von den Eltern geschlagen wurde. Ihre Antwort: „Mon papa m'a jamais frappé“ (mein Vater hat mich nie geschlagen!) Sie war die einzige in der Klasse.
Sicherlich erst mit Tarquin, ihrem Klassenkameraden in Belgien von 1972 bis 1979 und während des Studienaufenthaltes in Aix-en-Provence bald einmal guter Freund und schliesslich Ehemann, fand Catella jenes Festland, von dem her sie an mich denken konnte. Nicht immer ungetrübt, doch jedes mal haben wir uns wenigstens für das Nachhinein versöhnt. In unserem Fall müsste man im Deutschen einen andern Ausdruck verwenden, auch „verschwestern“ sagen können. Schlimm, dass es in der Sprache der Germanen diesen Begriff gar nicht gibt!
Als ich in Ostia – Catella war erst 6 Jahre alt – einmal vor einer Kreuzung brüsk bremsen musste – die Sicherheitsgurten liessen noch lange auf sich warten – erschrak Catella neben mir. Vielleicht hatte sie sich sogar leicht verletzt. Sie entschuldigte mich sofort mit der Bemerkung „Tu ne l'as pas fait exprès“ (Du hast es nicht absichtlich getan). Geschah es bei dieser oder einer andern Gelegenheit? Weiss es Catella? Jedenfalls sagte ich ihr immer wieder „Tu ne sais pas comment je t'aime“ (Du weisst nicht, wie gerne ich dich habe). Ihre Antwort kurz und bündig: „Ca se voit“ (Das sieht man).
Die kluge im Zeichen des Zwilling geborene Tochter hat ihre in den Lüften schwebenden Krebseltern schon in jungen Jahren in Schutz genommen, beschützen müssen, und hat es im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Grenzen immer wieder getan. Wir hätten uns keine bessere Tochter wünschen können und sollten uns dessen stets bewusst sein. Freilich mag sie ihre Fehler haben wie alle Menschen, sonst hätten wir das Himmelreich auf Erden längst errichtet. Doch jedes Mal, wenn ich weiss, dass die Migräne sie überfällt, leide ich mit ihr, und wenn ich selbst die Ursache bin, tut es mir mehr als einfach Leid.
Ich muss dazu stehen. Es bleibt nichts anderes übrig: Es war Hochmut, dass ich glaubte, mit Liebe liessen sich alle Missstände und Hindernisse überwinden. Ich wusste vor der Heirat, dass Miluca von ihrem Vater missbraucht wurde, von 9 bis 19 Jahren, und meinte, seine ungeheure Unzulänglichkeit als Vater und Mensch – auch er ein Krebsgeborener – könnte ich besiegen, ausschalten, der Vergessenheit anheimstellen. Nur ein Heiliger wäre dazu fähig, pflegte ich später zu sagen. Stahl ich mich allzu leicht aus der Verantwortung? Ist es Selbstbetrug, wenn ich die traurige Geschichte andern erzähle? Sie hatte wenigstens einen guten Ausgang: die Geburt Catellas, dann Klaras als Prüfstein und dann der Mut, noch einem Kind – Pierre – das Leben zu schenken.
Ich muss hoffen, dass meine Zuflucht bei den Heiligen keine billige Entschuldigung ist. In ihrer Liebe zu ihrem Vater hat die Tochter als erfahrene Frau diese Bemerkung nicht als Ausrede empfunden. Sie hat die traurige Geschichte ihrer Mutter nicht von mir, sondern von ihr erfahren, als Catella schon erwachsen war und sie, so gut wie möglich, bewältigen konnte.
Jetzt als
uralter Mann bin ich einfach froh und dankbar, dass ich ihr in der Kindheit,
wenn auch immer nur auf Zeit und Abruf, schöne unvergessliche Stunden bereitet
hatte. So war ich überrascht, als sie mir vor wenigen Jahren – oder geschah es
erst im Jahre 2009? - am Telefon das Schönste sagte, was sie mir sagen konnte
und mir den Mut zum Weiterleben schenkt, ich andern Menschen, darunter vielen
Kindern, so lange das Lämpchen nicht ganz verlöscht oder eine schwere Krankheit
mich daran hindert, schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten nicht
zuletzt dank meiner lieben Tochter, Freude zu bereiten vermag.
Victor J. Willi, Rom Disentis
Hier
geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge