„Wes das Herz voll ist, des
geht der Mund über“
am Karfreitag, 2. April 2010 vielleicht noch mehr
als an jedem andern Tag des Jahres
Der vergebliche Anruf über die Täler und Seen hinweg
Zufällig, wenn's ein Zufall gibt, drückte ich zur Sicherheit, um nichts zu
verpassen, am Kommando der Kommandos aller heutigen Fernsehzuschauer und sah
„Ueli der Knecht“, die meisterhaft zum Film gestaltete Novelle von Jeremias
Gotthelf.
Er hatte schon angefangen doch erst vor kurzer Zeit. Ich verzichtete auf den
gewohnten Spaziergang nach dem Abendessen und versenkte mich im Sessel und
dachte sofort, wie häufig zuvor, dass ich Robi, den Bruder verständigen sollte,
damit er seinerseits am Bildschirm das Geschehen auf dem Hof des Glungge Purs
verfolgen könne, um über alle Täler und Seen hinweg, die uns trennen, etwas
gemeinsam geniessen zu können. Fern zu sehen, er in Erlenbach und ich in
Disentis. Was die moderne Technik seit 60 Jahren der Menschheit zu ihrem Wohl
oder Weh beschert, gemeinsam zu erleben.
Ich wollte ihm sofort telefonieren, wie ich es so häufig getan, gelegentlich
auch er mich wissen liess, was es Schönes oder Interessantes am Bildschirm zu
sehen gibt.
Er kann es nicht mehr, ich kann es nicht mehr tun. Robi, mein lieber älterer
Bruder ist tot. Vor einem Monat hätten wir uns noch gemeinsam am Schönen der
längst vergangenen Zeit erfreuen können. Jetzt, am Karfreitag, den 2. April, ist
es zu spät. Drei Wochen später muss ich den Film alleine sehen wie verwaist, zur
Hälfte der Freude entrissen, die wir im Anschluss an irgendetwas Schönes von
Hörer zu Hörer im Gespräch ein zweites Mal erlebten. Ich muss hoffen, dass er es
irgendwie aus dem Jenseits erfährt, dass ich tief traurig bin, auf mich allein
gestellt zusehen zu müssen, wie „Ueli der Knecht“ nach manchen Ränkespielen der
Emmentaler seine Liebe findet.
Eine andere Liebe als jene unter den Geschwistern, die sich ein Leben lang
verbunden fühlten und vieles füreinander getan haben, vor allem er für mich. Ich
vermisse dich, lieber Bruder, fühle mich allein gelassen auf dieser krummen
Erde, vor deren Gefahren du mich nicht mehr beschützen kannst. Einsam in einer
Welt voller Menschen, die sich nichts zu sagen haben oder es verschweigen, weil
sie die andern nicht belasten wollen oder selber allzu sehr belastet sind.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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