Der Muezzin, nicht das
Minarett ist das Problem
Die einnehmende Faszination der orientalischen Musik
Vor 47 Jahren hielt ich mich für den Tages-Anzeiger, die National-Zeitung (heute
Basler Zeitung) und die Luzerner Neueste Nachrichten in Indien, Ceylon (Sri
Lanka) und Pakistan auf. Die orientalische Musik – der eintönige Singsang ohne
Anfang und Ende – liess mich halbe und ganze Nächte kaum einschlafen. Nach vier
Monaten hätte ich noch länger in diesen faszinierenden Ländern verbringen
wollen, tröstete mich aber beim Gedanken an ruhigere Nächte sogar in Italien.
Doch dann geschah das Unglaubliche: Beim Abgeordneten aus dem Aostatal auf
Besuch hörte ich auf einmal die für unsere Ohren monotonen Klänge der
orientalischen Musik. Ich war wie verzaubert. Ein ungeheures Heimweh nach Indien
nahm Besitz von mir. Wäre es möglich gewesen, hätte ich noch am gleichen Abend
Rom verlassen, um so schnell wie möglich New Delhi, Lahore oder Colombo zu
erreichen.
Was mir wegen seiner Allgegenwart über nimmermüde Lautsprecher auf die Nerven
ging, verkörperte die Länder mit einer noch gelebten Religiosität, wie sie in
Europa seit der Renaissance kaum noch oder auf eine völlig andersartige, weniger
emotionale, kaum den ganzen Menschen erfassende Art besteht. Wenn die Muezzins
fünfmal am Tag, auch in der Schweiz da und dort, bald einmal in ganz Europa die
Menschen zum Gebet aufrufen, um den einen und einzigen Gott zu verherrlichen,
dann könnte der Islam endlich gleichsam von innen her, aus unserer Mitte das
erreichen, was ihm im 8. Jahrhundert nach der Eroberung von ganz Spanien und
Portugal in Südfrankreich durch Karl Martell vereitelt wurde und vor 267 Jahren
in der Nähe von Wien schliesslich auch von Osten her misslungen ist:
schliesslich die doch noch geglückte Einnahme Europas auf dem Weg zur vom Koran
verheissenen Weltherrschaft.
Freilich ist dieses merkwürdige Erlebnis mit allen Folgerungen, die ich daraus
ziehe, zunächst nur für mich verbindlich. Andere Orientreisende lassen sich
nicht derart von dieser Musik berücken und sehen, gerade weil wir nicht zuletzt
in Sachen Musik, für mich von Bach über Mozart bis Michael und Joseph Haydn so
viel mehr zu bieten haben, keinerlei Gefahr von Seiten der längst nicht immer
nur kämpferisch sich gebärdenden Mohammedaner.
Doch vergessen wir nicht: die Zukunft kann niemand absehen und alles in allem
verfügt der Orient über eine viel ältere Kultur und auch Zivilisation als wir
Europäer, geschweige denn die den jetzigen Zeitgeist so sehr und nicht nur im
besten Sinn prägenden Amerikaner.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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