Wer Unverhofftes nicht
erlebt, kann es nicht finden
Heraklit (550 – 480 v. Chr.)
Das Wunder von Mathon
Wie eine erfundene Katze mich vor der grössten Schande meines jungen Lebens
bewahrte
Es geschah im Winterlager 1939 der Pfadfinderabteilung Zollikon in Mathon
oberhalb Zillis im Hinteren Rheintal. Ich war der Jüngste von allen, 12 Jahre
alt, und bewunderte das Können der älteren Kameraden. Wie ihnen im hohen Schnee
die steilen Hänge rund herum nicht – wie mir – immer und immer wieder zum
Verhängnis wurden. Miggeli, später ein renommierter Künstler, konnte noch
eleganter als die andern, ohne – soweit ich mich erinnere – auch nur einmal
umzufallen. Auch ihm blieb jedoch nichts anderes übrig, als allemal, so wie wir
Anfänger, mit dem Querschritt den Hügel wieder raufzusteigen: einmal, zwei Male,
viele Male; denn Skilifte kannten wir bestenfalls vom Hörensagen. In Davos war
einer, weltweit der erste im Betrieb, erfuhr ich am Fernsehen siebzig Jahre
später.
Der Metallski – eine chancenlose lächerliche und gefährliche Erfindung
Wir von der Vorkriegsgeneration fuhren noch auf Skis aus Holz. Als Jahre später
die ersten Metallskis zu sehen waren, hiess es, sie hätten keine Zukunft, denn
nun würden bei schweren Stürzen statt der Bretterskis die Fussgelenke, die
Beine, vielleicht sogar der Oberschenkel brechen!
Ich kann das bezeugen, denn mir misslang bei einem Stemmbogen im hohen Schnee
der „Rank“ so miserabel, dass mir persönlich nichts Böses widerfuhr, lediglich
auf einmal die Spitze eines meiner Bretter fehlte. Keine Sorge – damals sagte
noch niemand im deutschen Sprachraum „kein Problem“. Die Amerikaner hatten noch
nicht, wie im ersten auch im zweiten Weltkrieg den Sieg über das deutsche Reich
errungen, auch unserer deutschen Sprache, selbst dem Schwizertütsch noch nicht,
wie zwanzig Jahre später, wenigstens in der Übersetzung den Stempel aufgedrückt.
So fuhr ich fortan mit einer befestigten Metallspitze die Hügel herunter,
freilich noch schlechter als zuvor, doch ohne gebrochenes Fussgelenk oder einem
noch widerwärtigeren körperlichen Schaden.
Ein Unglück kommt selten allein, doch...
Das Widerwärtigste geschah in der Neujahrsnacht 1940. Der Wunsch ist der Vater
des Gedankens im Kleinen und im Grossen – damals und heute und so lange es
Menschen gibt, die vom Weltfrieden träumen, aber nicht merken, dass es ohne eine
Weltkonföderation mit Sanktionsbefugnis in allen Bereichen, wo das Überleben der
Menschheit durch die Atombombe im Besitz von – jetzt – 8 souveränen Staaten, die
Erderwärmung, den Hunger in der dritten Welt, den Terrorismus und die
Finanzkrise gefährdet ist, keine Weltfriedensordnung geben kann, lediglich immer
wieder brüchige Waffenstillstände; denn die meisten Menschen verhalten sich so
gut, wie sie daran
gehindert werden, sich böse zu verhalten und a l l e souveränen Einzelstaaten
verhalten sich so gut, wie sie daran gehindert werden k ö n n t e n , sich
schlecht zu verhalten, seit der Gründung von souveränen Staaten in der „späten“
Vorzeit nur innerstaatlich einigermassen für Ruhe, Ordnung und Sicherheit sorgen
können...
Es wurde wohlig warm im Schlafsack. Ich hatte geträumt, mich auf dem Klo
ausserhalb der Hütte zu befinden, wurde dann aber rasch von der Wirklichkeit
eines Besseren, das heisst Schlechteren und vor allem etwas in hohem Masse
Übelriechenden belehrt. Was tun? Ich entfernte eines der von der Mutter sorgsam
in den Schlafsack genähten Leintücher und vergrub es mit den Unterhosen hinter
der Hütte im hohen Schnee. Damit war das malheur nicht behoben, aber gemildert
und am Morgen, fest zusammengebunden, hinterliess mein Schlafsack
verhältnismässig wenig Spuren.
Immerhin waren sie so ausgeprägt, dass beim Mittagessen Kurtli Meier, Übername
nicht von ungefährt Furzli Zeier, eine plötzlich eingetretene Stille mit der
schrecklichen Bermerkung unterbrach: „Äm Willi syn Schlafsack stinkt!“
Der Retter liess nicht lange auf sich warten
Ich wäre gerne im Boden versunken, hätte alles gegeben, um unsichtbar zu sein,
am besten tot, um die Schande, vor der ganzen Abteilung blossgestellt zu werden,
nicht länger ertragen zu müssen. Mein Zugführer Hans Borst, genannt Habo, sagte
jedoch kurz und bündig „D' Katz hätt drüber g'macht!“ Nach dem Machtwort des
Führers war die Katze an allem Schuld. Nichts nützte es dem Ankläger, als Beweis
des wirklich Schuldigen auf meinen hochroten „Grind“ hinzuweisen. Hans Borst
hatte den Pfadigruss in die Tat umgesetzt: Der Starke beschützt den Schwachen,
der Daumen der rechten Hand drückt den kleinen Finger zum Zeichen, dass ein
richtiger Vorgesetzter der Pfadi – gleichgültig, was einem seiner
Schutzbefohlenen an Menschlichem, allzu Menschlichem zugestossen ist – durch
Dick und Dünn die Stange hält. Ohne Möglichkeit der Widerrede von Seiten seiner
oder einer andern Gruppe.
Ein segensreicher Justizirrtum
Das Beste an dieser Geschichte besteht zweifellos in der unleugbaren Tatsache,
dass weit und breit, im ganzen Haus und ausserhalb niemand je eine Katze gesehen
hatte. Das spielte auch gar keine Rolle: Die gar nicht existente „Vierbeinerin“
traf die ganze Schuld an meinem malheur. Ich war fein raus und konnte ohne
Schimpf und Schande herumlaufen, stand nicht mehr im Ruf eines nachhaltigen
Hosenscheissers und schlief in meinem nach wie vor, besonders in seinen
Eingeweiden übel riechenden Schlafsack besser als je zuvor. Ohne zweiten schönen
erwärmenden Traum zum Glück. Zwar fror ich ein bisschen mehr als in der ersten
Nacht des Jahres, nahm dies aber noch so gern in Kauf. Was tut der Kleinste in
einem Lager nicht alles, um einigermassen ehrenhaft ausruhen zu können! Zu
bedauern waren lediglich meine Schlafkollegen zur Rechten und zur Linken: denn
mochte auch für sie die Katze an allem Schuld gewesen sein, so stank mein
Schlafsack doch nach wie vor ziemlich erbärmlich nicht nur in seinem Innenleben.
Im Frühling hatten dann die Besitzer der Hütte den corpus delicti, den wahren
Grund meiner üblen Verpestung der Luft, entdeckt und erhielten dadurch eine
kleine Zusatzentschädigung für die zweifellos billige Unterkunft im ersten
Winter des Zweiten Weltkrieges.
Evi, nicht minder als Habo, ein Retter in der Not
Noch aus einem andern Grund ist mir das Pfadilager von Mathon in bester
Erinnerung. Zum Abschluss fuhren wir hinunter ins Tal, und auf der breiten
Strasse nach Zillis galt es noch kilometerweit bis zur nächsten Bahnstation
zurückzulegen. Als Kleinster hatte ich Mühe, den Anschluss an die Gruppe nicht
ganz zu verpassen. Da holte mich der „Lumpensammler“, Evi, der Lagerleiter ein,
tadelte mich aber nicht für meinen Rückstand, lobte vielmehr – so klein ich sei
– mein erstaunliches Können auf den beschädigten Brettern. Alles andere als
diese Auszeichnung hatte ich erwartet. Darum blieb sie auch in der Erinnerung
haften. Der noch Stärkere hatte den Schwachen diesmal nicht nur vor den andern,
sondern vor sich selber, seiner eigenen geringen, aber verständlichen
Minderleistung in Schutz genommen, dem vom englischen Kolonialoffizier
Baden-Powell eingeführten Pfadigruss die ihm zustehende Ehre erwiesen. Dies war
ein weiterer guter Grund, zeitlebens diesen Aufenthalt im Hinterrheintal nicht
vergessen zu haben – freilich auch wegen der imaginären Katze, die mich als
blosses Hirngespinst von einer grossen Schande bewahrte.
Darf der Pfadigruss wenigstens als Vorbote einer besseren Welt dienen?
Jedenfalls hatte der altgriechische Gelehrte alles vorhergesehen: „Wer
Unverhofftes nicht erhofft, kann es nicht finden.“
Das Nachspiel dreissig Jahre später
Genau drei Jahrzehnte nachher durfte ich erfahren, dass Habos bester Freund –
Werner Auer – dem Wesen des Pfadigrusses seinerseits Nachachtung verschaffte.
Ein hochangesehener Herrenclub lud für den Anlass meiner Einladung als
Referenten zum Thema „Eurokommunismus in Italien – Chance oder blosser
Lockvogel“ - auch seine Damen in das vielleicht vornehmste Zunfthaus der Stadt
Zürich ein. In der Eile hatte ich vergessen, was ein Missionar in Kenia mir als
zweite Stufe der Altersvergesslichkeit bezeichnete. Die erste setzt ein, wenn
man die Namen auch von Freunden vergisst, die man nie vergessen sollte, die
letzte ist einer noch grösseren Peinlichkeit vorbehalten.
Ich sass am Ehrentisch des Vorstandes des illustren Kiwanis Clubs. Als
Festredner in der Mitte. Im Blickfeld der ganzen vornehmen Gesellschaft. Wenige
Minuten fehlten, dass mir der Präsident das Wort erteilte. Da kam Miggeli zu mir
und flüsterte ins Ohr, ich sollte doch einmal nach unten schauen. Da war die
sogenannte Apotheke nicht geschlossen, vielmehr speerangelweit offen. Ohne
diesen fürsorglichen Ratschlag des mittlerweile zum Obersten der Schweizer Armee
avancierten ehemaligen Abteilungsleiters, übermittelt von einem seiner früheren
Knappen, hätte ich – wie so viele Jahrzehnte zuvor – einmal mehr wohl am
liebsten im Boden versinken wollen. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu
Beginn des Referates ohne weitere Erklärung auf das Wesen eines vorsorglichen
Leiters einer Pfadfinderabteilung hinzuweisen. Er ist nicht nur der strenge
Vater seiner Schutzbefohlenen, sondern auch die schützende Mutter, die mich vor
all den etablierten Damen und Herren von einer nicht minder grossen Peinlichkeit
bewahrte. Miggeli und Werner Auer wussten genau, warum ich dies sagte, die
übrigen der Festgemeinschaft vielleicht nicht!
Victor J. Willi, Rom Disentis
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