Ich bin entsetzt, ein
bisschen wehmütig und sehr traurig
Das Bündner Tagblatt, das immer wieder totgesagte und dann gerettete
Stehaufmännchen der Ostschweizer Medienlandschaft schafft es hoffentlich noch
einmal . . .
Beim Gedanken, dass die Tage des Bündner Tagblattes mit dem seit hundert Jahren
immer gleichen Wappenschild gezählt sein sollten, werden Bilder aus meiner
frühen Jugend vor 72 Jahren wach.
Im Frühling 1938 war ich beim legendären Fabrikanten, Unternehmer,
Tourismus-Pionier und begnadeten Tenor Joseph Johann Willi in seinem Haus an der
Kasernenstrasse eine Woche lang zu Gast. Der Besitzer der Elektro- und
Feinmechanik-Abteilung und Garage mit dem 1923 ersten von der Bündner Regierung
gewährten Autoverkauf hiess mich Abend für Abend nach dem Nachtessen aus dem
Bündner Tagblatt, der Bündner Zeitung und dem Freien Rätier das ihn
Interessierende vorlesen. Gütig korrigierte der Grossvater die falschen
Betonungen komplizierter Wörter. Als im faschistischen Italien von der Gründung
einer Kirchenpartei gemunkelt wurde und schon damals die Gründung der später
regimeträchtigen Democrazia Cristiana erwogen wurde und ich die Betonung auf das
„a“ statt das „i“ setzte, verbesserte der im Alter besonders liebenswerte
Grossvater den Fehler mit gütigem statt vorwurfsvollen Blick. Nur wenn man alle
Zeitungen lese, würde man mit grösserer Aussicht die Wahrheit über einen
Sachverhalt verstehen, lehrte er mich. So war J. Willi Sohn mein erster Lehrer
für die Laufbahn als Italienkorrespondent von 1958 bis 1992 für Radio DRS und
verschiedene auch ausländische Zeitungen teilweise bis heute. Auch für das
Bündner Tagblatt, wenn mein Retter in der Not auch für Radio DRS Hansmartin
Schmid mich im KLARTEXT etwas über die katholische Kirche, den Tausendsassa
Silvio Berlusconi und die andersartige Mentalität südlich der Alpen berichten
liess. Den selbstherrlichen jungen Auslandredaktoren von Radio DRS 1 soll er
einmal gesagt haben „der Willi versteht von Italien und den Italienern mehr als
alle andern Römer Korrespondenten „mitenand“. Mein Buch „Überleben auf
italienisch“ (Europa Verlag Zürich, 4. Auflage 1990) hat ihm sehr gefallen, vor
allem wegen der nüchternen Einschätzung der Resistenza 1943 – 1945.
Wie viel Meinungsdiktatur erträgt Graubünden?
Jede sterbende Zeitung ist ein Verlust für die Demokratie. Dies hat mir bereits
mein überaus kluger Grossvater beigebracht. Dass seine Frau aus Disentis für
mich Tata hiess und nach meiner Vorstellung lediglich die Mutter der St. Galler
Mutter Grossmutter hiess, habe ich lange nicht begriffen. Stets habe ich die
Ferien lieber in Chur und Arosa als in St. Gallen oder gar im Toggenburg
zugebracht. Mein Cousin Mario verteidigte mich als Willi gegenüber seinen
Nachbarskameraden im Welschdörfli, denn im Gegensatz zu ihnen gehörte ich zu
seinem Stamm. Das höchste der Gefühle bescherte mir der Grossonkel Georg Willy
im Sand, wenn er mich an der Hand durch die Altstadt führte und von allen als
Herr Hauptmann oder gar Herr Major begrüsst wurde. Er hatte eine schöne Tochter
namens Silvia, die ich vor allem dann verehrte, wenn sie mich in einer
Conditorei zwei Zwänzgerstückli auslesen liess.
Kaum in Rom zwanzig Jahre später habe ich bis zu seinem Untergang für den Freien
Rätier Berichte aus Italien verschickt. Anschliessend schrieb ich noch länger
für das Bündner Tagblatt, wurde dann aber anfangs der Siebziger Jahre vom jungen
Auslandredaktor der Bündner Zeitung, Hanspeter Lebrument, für die grosse
Konkurrenzzeitung abgeworben. Zeitweise schrieb ich unter dem Namen Italo Zünd
weiterhin für das Bündner Tagblatt. Bis meine Frau in Riano mich zum Telefon
rief mit der Bemerkung, da wolle jemand mit Herrn Zünd sprechen. Dies war das
voraussehbare Ende meiner Mitarbeit für das Bündner Tagblatt. Der mittlerweile
zum Chefredaktor der Bündner Zeitung avancierte Herr Lebrument kompensierte den
Honorarausfall grosszügig mit einem zweifach höheren Honorar.
Nach meinem 65. Geburtstag hatte ich in der BZ, unter der Leitung von Andrea
Masüger nicht mehr lange viel zu suchen und verfasste erneut vor allem
Klartext-Artikel für das BT. Diese Sparte auf Seite 2 hat in der ganzen
Schweizer Medienlandschaft kaum ihresgleichen. Da verfasste ich auch schon
abwegige Themen à la „Tschüss – ein Landesverrat“. Klingt das heimische Ciao
(Tschau) nicht viel vertrauter und ist sicherlich weit mehr heimatverbunden.
Oder sollen wir bald nur noch hochdeutsch und englisch reden? In der
Primarschule vom Zollikerberg habe ich letzte Woche den Sechstklässlern einen
englischen Vortrag über den Wilden Westen im Fernen Osten (Australien) gehalten
und wurde von (fast) allen verstanden.
Nur das Bündnerdeutsch ist keine Halskrankheit
Mein Bündner Vater aus Chur und Disentis hat sich nach 50-jährigem Aufenthalt in
Zürich geweigert, diesen hässlichen Dialekt zu sprechen. Dass Disentis eines der
schönsten und schneesichersten Skigebiete der Schweiz besitzt mit der
Möglichkeit, selbst an Auffahrt und Pfingsten die schräge Hanglage für die
eigenen Künste zu verwenden, kam auch schon im BT zur Sprache...
Man kann es drehen, wie man will: das Bündner Tagblatt ist eigentlich die
einzige wirkliche bündnerische Zeitung. Die Südostzeitung mit Verbreitung bis
zum Zürich- und Bodensee ist eine Schweizer Zeitung fast wie der TAGI oder –
sicher – die Basler Zeitung. Umso besser, wenn man Geldgeber findet, die
wenigstens am Anfang à fond perdu die Zukunft des BT auf Jahre sicherstellen.
Vielleicht kommt einmal mehr Christoph Blocher zu Hilfe, ohne – altersweise
geworden – die geringsten Auflagen zu stellen. Jedenfalls bin ich mit Blocher
bereits in den Achtzigerjahren ins Gespräch gekommen. Nicht wegen seiner
Politik, sondern zur Förderung der von Michael Haydn, dem Bruder des berühmteren
Franz Joseph, komponierten und bisher unveröffentlichten Klaviersonaten, die mit
andern Manuskripten in einem Wiener Archiv schlummern sollen. Wunderbar, wenn
das Bündner Tagblatt auch musikgeschichtlich noch eine Rolle spielen könnte!
Victor J. Willi, Rom Disentis
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