Zyklus: Schöne erlebte
Geschichten aus fünf Kontinenten
Brave new World – erste Begegnung mit der Neuen Welt 1952
Nach der Landung im New Yorker Hafen habe ich zum ersten Mal ein Schliessfach
gesehen. Ich fand die damals hochmoderne Einrichtung zum eigenhändigen
Verschliessen seiner Siebensachen ohne fremde Hilfe, ohne Trinkgeld, gar Lächeln
hüben und drüben kurzerhand genial und benutzte sie nach Noten und nach Nöten.
Wenn ich in „the States“ auf Reisen war, fand ich es wunderbar, dass jedermann
und jede Frau nach eigenem Gutdünken irgendwo irgendwann, untertags oder während
der Nacht, seine Koffern und Taschen selbst ver-sorgen und nach der gewünschten
Zeit eigenhändig ab-holen kann.
Mir kam es nicht im Traum in den Sinn, dieses Wunderding der Alten Welt, die ich
zehn Tage vorher in Rotterdam verlassen hatte, zu-gänglich zu machen. Daran
dachte hingegen ein gewitzter Basler Anwalt, der mir viele Jahre später
erzählte, er hätte sich die Patentrechte der Einführung und den Gebrauch dieser
hilfreichen Dinger für ganz Europa gesichert und damit ein Heidengeld verdient –
so viel, dass er sein Leben lang nicht mehr zu arbeiten bräuchte.
Ich schaute ziemlich dumm aus der Wäsche, als mir der Betreffende – er im
modernsten Tenue, ich so gut es eben ging – diese Erfolgsgeschichte am Bügel
eines Aroser Skilifts erzählte. Da mühte ich mich Tag für Tag wenigstens in Rom
mit irgendwelchen Beiträgen für Radio Beromünster, später DRS und ein Dutzend
Regionalzeitungen auch in Österreich und der Bundesrepublik ab, während er mit
einem einzigen Coup sich ein sorgloses Leben ohne weitere Anstrengungen
sicherstellte.
Ob der gerissene Jurist heute noch lebt, ob seine Geschichte doch ein bisschen
übertrieben ist? Ich weiss es nicht, habe ihn nie mehr gesehen. Wahrscheinlich
war ihm Arosa, dann auch St. Moritz zu wenig, flüchtete er mit seinem Haufen
Geld nach USA in die Neue Welt, nach New York oder San Francisco, jedenfalls an
einen Ort, der gerade für die High Society „in“ war und vielleicht noch immer
ist.
Menschliches im Reich der Toten
Als viele Jahre später der erste Supermarkt der Migros in Zollikon eröffnet
wurde, fühlte ich mich – obwohl in diesem „Villenvorort der Stadt Zürich“
(Definition des Grossen Brockhaus) geboren – wie verloren. Man hörte nur das
Rollen der Einkaufswagen mit all den köstlichen und kost-baren Siebensachen, die
sich die Einwohner der reichsten Gemeinde an der Goldküste leisten konnten.
Niemand lächelte, auch wenn ich einem Kunden, gar einer Kundin den Vortritt von
rechts oder auch von links überliess. Da spielte die Strassenverkehrsordnung
sogar in einem Supermarket nach amerikanischem Muster gleich nach beiden Seiten.
Die Blicke aller galten dem reichen Warenangebot der von Gottlieb Duttweiler,
dem Begründer der sich bescheiden nennenden Halbgross-Institution.
Nur einer tanzte aus der Reihe. Es war ein „Mädchen für alles“ aus Italien. Er
lachte sogar dann und wann, belebte die Friedhofstille im Riesengeschäft, dem
all die Tante Emma-
Läden meiner Kindheit zum Opfer gefallen sind. Ich konnte dem Betreffenden
inmitten dieser neuen, aus Amerika importierten Welt nur eines sagen „Qui dentro,
in questo ambiente Lei è il solo essere umano“ (hier drin in dieser Umgebung
sind Sie der einzige Mensch).
Eine weise Prophezeiung
Selten fällt ein Italiener auf den Kopf. Er hatte mich sofort verstanden und
wollte wissen, wo ich denn lebe. Auf meine Antwort „in Italien, Ihrem
Herkunftsland, in Rom, der Kapitale“, lachte er laut, wie es in dieser Umgebung
sicherlich nicht schicklich war und ist und sah in mir einen geheimen
Verbündeten, „uno come noi“, einer wie wir, fügte aber bei: „Sie werden sehen,
bald geht es auch bei uns so wie in diesem Supermarket zu und her.
Ich hoffte es nicht, es wenigstens im Stiefelland nicht erleben zu müssen, doch
er war weiser als ich, sollte recht behalten. Auch die Italiener werden mehr und
mehr wie die Amerikaner. Niemand entgeht dem American way of life der von den
USA geprägten Globalisierung. Im Laufe der vieltausendjährigen Geschichte hat
noch immer der Zeitgeist der jeweiligen Zeit den Stempel aufgedrückt. Was die
Jungen für selbstverständlich halten, wider besseres Wissen halten müssen,
vielleicht sogar besser als alles, was früher galt, ist den Älteren, gar Uralten
lediglich die Verkörperung einer von vielen möglichen und seither verschwundenen
Paradiesvorstellung. Als Befürworter der 68er-Bewegung träumten viele
„Mittelalterliche“, alles sofort ohne Anstrengung zu bekommen, töteten ihre
autoritären, vom Nationalismus, gar Nationalsozialismus geprägten Väter
wenigstens im Geist. Die meisten vergassen aber die Illusionen ihrer Jugend so
schnell wie möglich, um sich nach den Siegern der zweigeteilten Welt
auszurichten. Viele unter ihnen verhalten sich amerikanischer als die
Amerikaner, lediglich – wie sie sagen – um auf der Höhe der Zeit, der Gegenwart
zu denken und zu leben.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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