Nur nicht den Mut verlieren
Zum 75. Geburtstag von Peter Bichsel

Meine Frau aus der Zwinglistadt war die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, ja Vorpünktlichkeit in Person. Hatte sie sich einmal mit irgendjemandem für einen bestimmten Termin verabredet, konnte kommen, wer wollte. Er hatte das Nachsehen. Céciles Vereinbarungen waren gleichsam bombensicher. Dieser Charaktereigenschaft und kulturellen Eigenart, vielleicht auch ihrem good look verdanke ich die Bekanntschaft mit Peter Bichsel: denn aus lauter Angst, bei Roms Grossstadtverkehr zu spät für seine Lesung einzutreffen, befanden wir uns eine gute halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung im Schweizer Institut. Peter Bichsel wartete in einem Nebenzimmer.
Cécile hatte alle Bücher des schon damals – in den Achtzigerjahren – berühmten Schweizer Schriftstellers gelesen, liess es Peter im Verlauf des Gesprächs wissen oder er erfuhr es durch meine Redseligkeit. Mich kannte er von der Italienberichterstattung im ECHO DER ZEIT von Radio Beromünster/DRS her. So kam es, dass Peter mit meinem Versprechen, ihn am übernächsten Tag zum Leonardo Vinci geweihten Flugplatz von Rom-Fiumicino zu fahren, die Einladung nach Riano annahm. Der deutschen Schule und andern Institutionen, die ihn noch so gerne bei sich willkommen geheissen hätten, gab er das Nachsehen. Ich holte ihn – zum Glück beizeiten – beim Eingang zum Park des Schweizer Institutes mitten in Rom ab. Auf dem Weg nach Riano an der Via Flaminia, 25 Kilometer näher zur Schweiz, führten wir ein Gespräch, dessen Inhalt – welche Schande! - ich nach zwei Jahrzehnten vergessen habe.

In guter Erinnerung verbleibt mir hingegen Peter Bichsels Kochkunst. Am zweiten Abend wollte er für uns kochen, kaufte alles Notwendige und überraschte uns mit seinem Können auch in diesem Bereich der Künste. Am folgenden Tag erzählte mir Peter auf der Autobahn Richtung Fiumicino die Geschichte des leichten Verschwindens im down under auf der andern Seite des Globus: Beweisstück: Australien ist der letzte Wilde Westen, allerdings gleichsam am falschen Ort, im Fernen Osten, gehört doch der fünfte Kontinent zur fernöstlichen Inselwelt, wie Japan oder Indonesien.

Auf Einladung des Goetheinstitutes lernte Peter Australien bei einer Leserundreise näher kennen.

Wait and see!

Peter schätzt einen guten Tropfen bereits am Morgen, betrat in Brisbane ein Restaurant und wollte nach einer halben oder ganzen Stunde zahlen. „Here nobody pays, wait and see!“ (Hier zahlt niemand, warte ab, dann wirst du es schon begreifen). Plötzlich öffnete sich die Türe. Alle besser Informierten riefen „What's your name?“ Der Angesprochene antwortete, dass er nun Joe Smith heisse, worauf alle auf das Wohl von Joe Smith tranken. Im nahe gelegenen Amt für die Namensänderung hatte sich der Mann eine neue Identität ergattert. Für damals 60 Dollars, heute würde es viel mehr kosten, wusste Peter, doch ein neuer Name würde immer noch so billig zu haben sein, dass sich mancher im nach dem Fernen Osten verschobenen Wilden Westen es für rentabel hielt. Wollte ein Australier aus irgendeinem Grund untertauchen, um mit einem neuen Namen sich dem Zugriff eines andern Australiers, vielleicht sogar des Steuervogts zu entziehen? Bei einer solchen Frage haben lediglich die Franzosen recht, wenn sie sagen: „Honi soit qui mal y pense“ (Es schäme sich, wer ohne besseres Wissen irgendetwas Schlechtes hinter irgendeiner Tag vermutet). Jedenfalls hatte Joe Smith für alle Gäste des Lokals die Zeche zu bezahlen, was mehr als die Namensänderung kosten mochte!


Grundsätzlich dafür – auch wenn es ihn trifft – und wie!

Im neuen Airport angekommen, sah sich Peter mit den Auswüchsen eines Streiks der Piloten auf unbestimmte Zeit konfrontiert. Alle Flüge nach Mailand waren gestrichen. So fuhren wir abermals nach Riano. Peter meinte: „Als Sozialdemokrat kann ich den Streik nicht verurteilen, auch wenn ich darunter zu leiden habe.“ So schlief Peter einmal mehr in unserem Haus in Riano inmitten der herrlichen Campagna romana gelegen. Nur wenige Rom-Touristen kennen sie. Besser so, so bewahrt wenigsten die nördliche Umgebung der italienischen Kapitale eher ihren ursprünglichen Charakter.

Am nächsten Tag begleitete ich Peter zur Metro-Station von Prima Porta mit fast direkter Verbindung zur Stazione Termini, dem Hauptbahnhof von Rom. Er musste also anstelle der schnellen Flugverbindung die achtstündige Eisenbahnfahrt nach Mailand auf sich nehmen. Dort war er für eine zweite Lesung am folgenden Tag verpflichtet.


Da konnte ich nur zustimmen

Das erste Wiedersehen fand in Solothurn statt, dort, so sich in der Nähe seines Büros die Gesinnungsgenossen im Restaurant treffen. Es ist eine Art Vorzimmer oder Wartesaal für den vielbeschäftigten Literaten. Er musste noch eine Kolumne für die Schweizer Illustrierte termingerecht übermitteln. Das Thema war Silvio Berlusconis erste Amtszeit als Regierungschef vor 16 Jahren. Da wussten die Italiener noch nicht, wem der Tausendsassa den kometenhaften Aufstieg in der italienischen Politik zu verdanken hatte. Peters Kritik traf schon damals den Nagel auf den Kopf. Ich las den Text und hatte nichts weder auszusetzen noch beizufügen.

... bei der zweiten Begegnung in Solothurn schlug ich jedoch ein anderes Wort vor

Mehrere Jahre später verabredeten wir uns im Bahnhofbuffet seiner Stadt. Mein Zug hatte erhebliche Verspätung. Peter befand sich nicht mehr oder noch nicht am verabredeten Ort. Ich hatte vergessen, wo wir uns treffen wollten, im Saal der ersten oder zweiten Klasse, pendelte also hin und her, um Peter unter keinen Umständen zu verpassen. Endlich trafen wir uns, weit vom Restaurant entfernt. Es nahm sich wie ein Zufall aus. Peter entschuldigte sich, er hatte kaum geschlafen, feilte an einem Text zum Abschied von Max Frisch in einer Zürcher Kirche am gleichen Nachmittag. Wie es sich für einen Schriftsteller gehört und uns Journalisten – abgesehen von der Unfähigkeit – bereits aus Zeitgründen verwehrt ist.


Nur nicht die Wut verlieren!

Als Jünger Alfred Webers, meines Doktorvaters und Begründers der sogenannten verstehenden Soziologie, bekennender Sozialdemokrat, aber entschiedener Gegner der
Marxisten – schlug ich vor, seine Rede für den verstorbenen Freund mit dem Satz „Nur nicht den Mut verlieren!“ abzuschliessen.
So weit ich weiss, hielt Peter Bichsel an seiner Fassung „Nur nicht die Wut verlieren“ fest.

Würde der mittlerweile bald 75-Jährige es immer noch oder jetzt erst recht tun, frage ich mich und bin gespannt auf eine Antwort, falls er sie nicht bereits in einer seiner Kolumnen in der grossen Sammlung festgehalten, korrigiert oder präzisiert hat.

Victor J. Willi, Rom Disentis
 

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