Berlusconis Sieg über die verwaisten Moralisten
„Ich bin kein Heiliger, wer ist es schon“


Sozusagen alle Ausländer und nicht wenige Italiener wundern sich über Silvio Berlusconis mehrjährige Herrschaft. Wie konnte ein Unternehmer ohne eigene politische Erfahrung vor 16 Jahren gleichsam im Flug die Mehrheit der Italiener für seine sogenannte „Casa per la libertà“ (Haus der Freiheit- Partei) gewinnen und macht vorderhand noch auf Monate, vielleicht Jahre hinaus das gute und schlechte Wetter in Italien? Obwohl seither die Sonne es an den Tag gebracht hat: dass beim Machtwechsel vom Regime der Democrazia Cristiana (1946 – 1992) im Vordergrund und der kommunistischen Partei als stets aufsässige Oppositionsführerin im Hintergrund bis zum Fall der Berliner Mauer dubiose Kräfte die Hände mit im dreckigen Spiele hatten und das Stehaufmännchen der 90er Jahre bis auf weiteres im Sattel halten? Ist der vielfach als Tausendsassa bezeichnete Silvio die blosse Puppe anderer Kräfte oder nicht viel mehr der Nutzniesser eines vor zwanzig Jahren aufgekommenen politischen Vakuums?

Diese Fragen finden ohne den Hinweis auf Gianni Letta keine richtige Beantwortung. Der langjährige Chefredaktor der zu den Neofaschisten hin schielenden Römer Zeitung IL TEMPO ist die graue Eminenz im Hintergrund all der von Berlusconi seit 1994 in Szene gesetzten Machenschaften. In Lettas unscheinbarer Wohnung im Römer Nobelquartier Camiluccia setzten sich Umberto Bossi, der schon damals legendäre Begründer und Chef der erfolgreichen Separatistenpartei „Lega Nord“, mit dem von Giorgo Almirante auserwählten Führer der Neofaschisten Gianfranco Fini und vielen ehemaligen lediglich an der Machterhaltung interessierten Sozialisten und Christlichdemokraten um den runden Tisch. „Einzeln werden wir geschlagen, zusammen können wir hingegen die auf einmal ohne den finanziellen und moralischen Rückhalt vonseiten der untergegangenen Sowjetunion verwaisten Kommunisten und deren fellow travellors schlagen, lautete die Devise des Camiluccia-Clans.


Der richtige Mann zur wichtigen Stunde

Als Aushängeschild und Zugpferd des buntscheckigen Haufens von Separatisten, Nationalisten und Opportunisten eignete sich 1994 niemand besser als Silvio Berlusconi. In jungen Jahren war er auf einem Luxusdampfer als Sänger und Entertainer unterwegs. Später baute er mit Sozialistenführer Bettino Craxis Hilfe einen riesigen Mailänder Stadtteil namens Milano due und kaufte nebenbei Warenhaus-Ketten, Supermärkte und Verlagshäuser mit national verbreiteten Fersehstationen im Hintergrund – kurzum alles, was sich mit oder ohne Hilfe mafioser Helfershelfer in goldene Münzen und viel Einfluss auf die öffentliche Meinung umsetzen liess. Auf der Rangliste der reichsten Männer Italiens übertraf er bald Fiatkönig Giovanni Agnelli und soll jetzt weltweit die Nummer 14 sein.

„Die Italiener wissen immer, woher der Wind weht und wo das Geld liegt“, sentenzte Star-Journalist Indro Montanelli schon kurz nach dem 2. Weltkrieg. Mit einem riesigen finanziellen Aufwand überschwemmte „das Haus der Freiheit“ sämtliche Haushalte von Varese bis Trapani mit Propagandaschriften. Auf Debatten mit den erfahrenen Politikern des Landes liess sich Berlusconi nicht ein. Umso stärker war sein Engagement von Mensch zu Mensch im Rampenlicht seiner vier landesweit verbreiteten Fernsehstationen.
Er warnte vor dem stets im Hintergrund lauernden Kommunismus und der von KPI gekauften Richtern. Mit der grossen parlamentarischen Mehrheit zu seiner Verfügung liess er es immer mehr zu den ihm passenden Rechtsbeugungen kommen. Statt empört zu sein, erfreuten sich mehr und mehr Italiener an der von Berlusconi im Übermass gebotenen Show.
Anlässlich des Putin-Besuches auf Sardinien mischte sich Berlusconi mit seinen frisch implantierten Haaren und einem gut sichtbaren Haarnetz unter die Leute und sagte im Rampenlicht a l l e r auch ausländischer Fernsehstationen: „Bin ich jetzt nicht noch viel schöner?“ Und als etablierter mehrjähriger Regierungschef vor einer Masse schaulustiger Landsleute: „Man sagt, ich zahle nicht alle Steuern... und ihr, zahlt ihr etwa alles, was ihr dem Staat schuldet?“ Statt entsetzt zu sein, amüsierten sich die Italiener nach Noten und spendeten orkanhaften Beifall.


Verpönter Moralismus

Als vor Jahren im Corriere della Sera der für uns Schweizer nicht schmeichelhafte Satz stand „Gli svizzeri vivono bene dai guai d'altrui“ (Die Schweizer leben gut auf Kosten der Ausländer) entgegneten nicht wenige Italiener „An ihrer Stelle würden wir uns nicht anders verhalten.“ Berlusconi füllte das Vakuum zweier moralistisch engagierter Parteiblöcke, deren Regierungsführung und Opposition ihrerseits keineswegs über jeden Zweifel erhaben waren: von 1946 bis 1992 hielt sich die Democrazia Cristiana nicht zuletzt mit Hilfe des Vatikans im Sattel und wurde von Seiten der KPI und ihrer Mitläufer mit dem Versprechen auf Gütergemeinschaft, wenigstens vermehrter sozialer Gerechtigkeit, Überwindung des bösen besitzgierigen Adams an der kurzen Leine gehalten. Endlich trat einer auf die politische Bühne, der die Italiener vom jahrzehntelang eingetrichterten schlechten Gewissen befreite und klaren Wein einschenkte. Solange die Linksparteien im Namen der Ungerechtigkeit und Unmoral Berlusconi zu besiegen hoffen, stehen sie in diesem Land auf verlorenem Posten. Jeder Italienkenner weiss, was er auf irgendwelche Vorwürfe am besten antwortet „Tu non sai quanto hai ragione“ (Du weisst gar nicht, wie recht du hast). Wer jahrelang auf irgendeine Kritik mit diesen Worten reagierte, durfte in diesem Land der grossen und kleinen im Grunde einsichtigen, vielleicht sogar bekennenden Sünder hören: „Tu sei uno dei nostri“ (Du bist einer von uns geworden).

So steht letztlich das Christentum mit seiner verzeihensbereiten Grundhaltung hinter Berlusconis langjähriger Willkür-Herrschaft und kann die katholische Kirche mit dem schlechten Gewissen der Gläubigen das Land gleichsam aus dem Hintergrund – viele sagen Hinterhalt – regieren - - Mit oder ohne einen italienischen Papst an der Spitze!
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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