Zyklus: Schöne erlebte Geschichten aus 5 Kontinenten

Nur nicht den Mut verlieren
Meine Begegnungen mit Peter Bichsel in den 80er und 90er Jahren
 

Meine Frau aus der Zwinglistadt war die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, ja Vorpünktlichkeit in Person. Hatte sie sich einmal mit irgendjemandem für einen bestimmten Termin verabredet, konnte kommen, wer wollte. Er hatte das Nachsehen. Céciles rendez-vous waren gleichsam bombensicher. Dieser Charaktereigenschaft und kulturellen Eigenart, vielleicht auch ihrem good look verdanke ich die Bekanntschaft mit Peter Bichsel: denn aus lauter Angst, bei Roms Grossstadtverkehr zu spät für seine Lesung einzutreffen, befanden wir uns eine gute Viertelstunde vor Beginn der Veranstaltung im Schweizer Institut. Peter Bichsel wartete allein in einem Nebenzimmer.
Er fiel uns wie vom Himmel. Die Vorpünktlichkeit hatte sich gelohnt. So konnten wir mit ihm unter sechs Augen reden.

Cécile hatte alle Bücher des schon damals – in den Achtzigerjahren – bekannten Schweizer Schriftstellers gelesen, liess es Peter im Verlauf des Gesprächs wissen, oder er erfuhr es durch meine Redseligkeit. Mich kannte er von meiner Italienberichterstattung im ECHO DER ZEIT von Radio Beromünster/DRS her. So kam es, dass er mit meinem Versprechen, ihn am übernächsten Tag zum Leonardo Vinci geweihten Flugplatz von Rom-Fiumicino zu fahren, unsere Einladung nach Riano annahm. Der deutschen Schule und andern Institutionen, die ihn noch so gerne bei sich willkommen geheissen hätten, gab er das Nachsehen. Ich holte ihn – zum Glück beizeiten – beim Eingang zum Park des Schweizer Institutes mitten in Rom ab. Auf dem Weg nach Riano an der Via Flaminia, 25 Kilometer näher zur Schweiz, führten wir ein langes Gespräch, dessen Inhalt – welche Schande! - ich nach zwei Jahrzehnten vergessen habe.

In guter Erinnerung verbleibt mir hingegen Peter Bichsels zweite Kunst. Am zweiten Abend wollte er für uns kochen, kaufte alles Notwendige und überraschte uns mit seinem Können auch in diesem Bereich der Künste. Am folgenden Tag erzählte mir Peter auf der Autobahn Richtung Fiumicino die Geschichte des leichten Verschwindens im down under auf der andern Seite des Globus: Beweisstück, dass Australien der letzte Wilde Westen ist, allerdings gleichsam am falschen Ort, im Fernen Osten, gehört doch der fünfte Kontinent zur fernöstlichen Inselwelt, wie Japan, Bali oder Bormeo. Auf Einladung des Goetheinstitutes lernte Peter Australien in seiner besonderen Art als letzter wilder, aber auch erster milder Westen kennen.


„Wait and see!“

Peter schätzt einen guten Tropfen bereits am Morgen, betrat in Brisbane ein Restaurant und wollte nach geraumer Zeit zahlen. „Here nobody pays, wait and see!“ (Hier zahlt niemand, warte ab, dann wirst du es schon begreifen). Plötzlich öffnete sich die Türe. Alle besser Informierten riefen „What's your name?“ Der Angesprochene antwortete, dass er nun Joe Smith heisse, worauf alle auf das Wohl von Joe Smith tranken. Im nahegelegenen Amt für die Namensänderung hatte sich der Mann eine neue Identität ergattert, für damals 60 Dollars. Heute würde es viel mehr kosten, wusste Peter, doch ein neuer Name würde immer noch so billig zu haben sein, dass sich mancher im nach dem Fernen Osten verschobenen Wilden Westen es für rentabel hielt. Wollte ein Australier aus irgendeinem Grund untertauchen, um sich mit einer neuen Identität dem Zugriff eines andern Australiers, vielleicht sogar des Steuervogts zu entziehen? Bei einer solchen Frage haben lediglich die Franzosen recht, wenn sie sagen: „Honni soit qui mal y pense“ (Es schäme sich, wer ohne besseres Wissen irgendetwas Schlechtes hinter irgendwelcher Tag wittert). Jedenfalls hatte Joe Smith für alle Gäste des Lokals die Tranksame zu bezahlen, was mehr als die Namensänderung kosten konnte!


Grundsätzlich dafür – auch wenn es ihn trifft – und wie!

Im neuen Airport angekommen, sah sich Peter mit den Auswüchsen eines Streiks der Piloten auf unbestimmte Zeit konfrontiert. Alle Flüge nach Mailand waren gestrichen. So fuhren wir abermals nach Riano. Peter meinte: „Als Sozialdemokrat kann ich den Streik nicht verurteilen, auch wenn ich darunter zu leiden habe.“ So schlief Peter einmal mehr in unserem Haus in Riano, inmitten der herrlichen Campagna romana gelegen, die leider nur wenige Rom-Touristen kennen sie. Besser so, so bewahrt wenigsten die nördliche Umgebung der italienischen Kapitale zum grossen Teil ihren ursprünglichen Charakter.

Am nächsten Tag begleitete ich Peter zur Metro-Station von Prima Porta mit fast direkter Verbindung zur Stazione Termini, dem Hauptbahnhof von Rom. Er musste also anstelle der schnellen Flugverbindung die achtstündige Eisenbahnfahrt nach Mailand auf sich nehmen. Dort war er für eine zweite Lesung am folgenden Tag verpflichtet.


Da konnte ich nur zustimmen…

Das erste Wiedersehen fand in Solothurn statt, dort, so sich in der Nähe seines Büros seine Gesinnungsgenossen im Restaurant Kreuz treffen. Es ist eine Art Vorzimmer für den vielbeschäftigten Literaten. Er musste noch eine Kolumne für die Schweizer Illustrierte termingerecht übermitteln. Das Thema war Silvio Berlusconis erste Amtszeit als Regierungschef vor 16 Jahren. Da ahnten die Italiener noch nicht, dass der Tausendsassa den kometenhaften Aufstieg nicht zuletzt der Mafia zu verdanken hatte. Peters Kritik traf schon damals den Nagel auf den Kopf. Ich las den Text und hatte nichts weder auszusetzen noch beizufügen. Bei der zweiten Begegnung in Solothurn schlug ich ein anderes, sehr ähnliches Wort vor.

Mehrere Jahre später verabredeten wir uns im Bahnhofbuffet seiner Stadt. Mein Zug hatte erhebliche Verspätung. Peter befand sich nicht mehr oder noch nicht am verabredeten Ort. Ich hatte vergessen, wo wir uns treffen wollten, im Saal der ersten oder zweiten Klasse, pendelte also hin und her, um Peter nicht zu verpassen. Endlich trafen wir uns, weit vom Restaurant entfernt. Es nahm sich wie ein Zufall aus. Peter entschuldigte sich, er hatte kaum geschlafen, feilte an einem Text zum Abschied von Max Frisch in einer Zürcher Kirche am gleichen Nachmittag. Wie es sich für einen Schriftsteller geziemt und uns Journalisten – abgesehen von der Unfähigkeit – bereits aus Zeitgründen verwehrt ist.

Der Schluss der Rede von der Kanzel war – wie es sein musste – kurz und bündig, ja kategorisch und lautete: „Nur nicht die Wut verlieren.“


„Nur nicht die Wut verlieren!“

Als Jünger Alfred Webers, meines Doktorvaters und Begründers der verstehenden Soziologie, wie sein berühmter Bruder Max Weber - bekennender Sozialdemokrat, aber entschiedener Gegner der Marxisten – schlug ich vor, seine Rede für den verstorbenen Freund mit dem Satz „Nur nicht den Mut verlieren!“ abzuschliessen. Soweit ich weiss, hielt Peter Bichsel an seiner Fassung fest. Würde der mittlerweile 75-Jährige es immer noch oder jetzt erst recht tun, frage ich mich heute und bin gespannt auf eine Antwort, falls er sie nicht bereits in einer seiner Kolumnen in der grossen Sammlung festgehalten, korrigiert oder präzisiert hat.

Victor J. Willi, Rom Disentis

Hier geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge